Streaming-Hochschulgottesdienst zum Nachschauen

Veröffentlicht von Stephan Seiler-Thies

Hochschulgottesdienst20 05 25Homepage

Overview – der Blick über den Horizont hinaus, unter diesem Thema stand unser erster Streaming-Hochschulgottesdienst in Ludwigsburg. Am Montag, 25.05. haben wir diesen besonderen Gottesdienst um 19:30 Uhr in der evangelischen Erlöserkirche in Ludwigsburg West gefeiert. Wer nicht dabei war oder es gerne nochmals in Ruhe nach-schauen möchte, kein Problem. Der Gottesdienst steht noch online auf dem YouTube-Kanal der Evang. Gesamtkirchengemeinde Ludwigsburg. Entweder ihr klickt euch über www.meinekirche.de und dort die Online-Gottesdienste von Ludwigsburg Gesamtgemeinde ein, oder direkt hier.

Der Streaming-Gottesdienst stand sowohl zeitlich als auch inhaltlich zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Daran haben wir angeknüpft und in Zeiten, in denen uns eine Pandemie Grenzen setzt, unseren Blick wieder weiten lassen, in den Himmel aber auch ins Leben um uns herum. Studierende haben im Gottesdienst mitgewirkt, bei Musik und Gebeten, bei der Technik oder virtuell über Videogrüße. Außerdem haben wir in diesem Gottesdienst Hoffnungstauben in die Lüfte schweben lassen, als ein Teil der großen Pfingstaktion der evangelischen Kirchen in und um Ludwigsburg.
Klickt euch rein, schaut vorbei und feiert mit - auch später noch. Das ist die Chance in digitalen Zeiten!

Und wer´s nachlesen möchte, hier unsere Predigt-Teile aus dem Hochschulgottesdienst "Overview - über den Horizont hinaus":

Predigt 1. Teil: Himmelfahrt - Blick ins Weite - Hochschulseelsorger Joachim Pierro

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehen, ein Durst nach Glück, nach Liebe, nach Frieden, nach Heilung und Ganzsein.
Von dieser Sehnsucht haben wir eben gesungen. In Gesprächen, v.a. wenn sie tiefer gehen, gelingt es, dieser Sehnsucht auf die Spur zu kommen. Gerade bei jungen Menschen ist sie manchmal brennend da. Dieses Sehnen hat sich im Grunde tief in die Menschheit eingezeichnet und sich in ihr aufgetan. Solches Sehnen schlägt sich nieder in Erzählungen, in Mythen, in Religionen und Philosophien.
Wenn nun diese Grundsehnsucht sich schon lange so in die Menschheits- und Religionsgeschichte eingeschrieben hat, dann kann man im Hinblick auf den christlichen Glauben die Frage stellen, was denn das Besondere sei, das Jesus Christus in die damals ja bereits bestehende jüdische Glaubenstradition eingebracht habe, der er selbst bis zuletzt angehörte.
Ich will den Weg, das aufzuzeigen, hier gleich abkürzen und es bündig auf einen Nenner bringen: Jesus sah den Himmel offen!
Erst von diesem Schauen des Himmels an, von dieser Einsicht her, erst von da an, nämlich bei seiner Taufe im Jordan, begann seine Geschichte, obgleich er bereits 30 Jahre alt war. Was für uns Christen sich so vertraut anhören mag: Er sah den Himmel offen, war - und im Grunde ist es das immer noch - revolutionär.
Im Judentum (jetzt ziemlich verkürzt gesprochen) waren es die Gebote und Verbote, die Gesetze, die es zu beachten galt, die zum Leben und zu Gott führen sollen. Und im Zentrum stand der Tempel in Jerusalem; den Zugang zum Innersten, dem Allerheiligsten des Tempels aber hatte nur der Hohepriester. Der Zugang zum Himmel war, wenn man so will, mit sicher guten Gründen reglementiert. Und das sogar noch mehr in den umliegenden Religionen Ägyptens und Mesopotamiens: durch Pharaone, Könige und Priester, durch Regelungen und Kulte.
Nun aber tritt ein Mann auf, ein Bauhandwerker aus einem bedeutungslosen Nest am Rande der Welt - wenn man so sagen will - und sieht, dass der Himmel offen ist, erkennt dass nichts und niemand, kein Gesetz und kein Mensch uns von diesem Himmel Gottes trennen kann. Auf genau diese Erfahrung bei seiner Taufe wird Jesus noch einmal zurückgreifen und sie seinen Freunden mitteilen: Niemand mehr, nicht einmal der Ankläger der Menschen, der, der den Menschen feindlich gesinnt ist, hat eine Stimme bei Gott: „Ich schaute“, so Jesus, „ich schaute, wie einem Blitz gleich, den Satan aus dem Himmel stürzen“. Bei Gott, da ist keiner mehr, der den Himmel uns verschließen könnte! Dass eine solche Glaubenserkenntnis und ein solches Glaubensbekenntnis bei den Etablierten – nicht nur aber v.a. bei den religiösen – nicht einfach auf Gegenliebe stießen, das kann man sich leicht vorstellen.
Seine Freunde und Freundinnen aber haben erlebt, wie ihre Sehnsucht mit Jesus und an Jesus neue Nahrung fand. Wie die Hoffnung auf Gott und seine Verheißungen sich durch ihn neu entfachte, und wie in ihrem Leben und ihrem Alltag, der ja nicht einfach und manchmal sehr hart war, der mitunter quasi dem Leben abgetrotzt werden musste, wie da mittendrin Sinn aufleuchtet – Sinn, der nicht gemacht werden, sondern nur entdeckt und gefunden werden kann, (Viktor Frankl). Sinn, der sich nur von einem offenen Himmel her erschließt.
Nachdem allerdings dieser Himmel am Kreuz, an Karfreitag krachend zusammenzustürzen und sich als leidvolle Illusion zu erweisen schien, musste er sich erst noch einmal von Neuem – nun aber endgültig – als offen erweisen in jener unglaublichen Erfahrung der Jünger: Auch der Tod kann den Himmel nicht verschließen. Mit der Auferweckung Jesu hat der Himmel sich endgültig der Welt, der Geschichte und jedem einzelnen offen zugewandt.
Und jetzt an Himmelfahrt, jetzt ist Er, der ihnen diesen Himmel aufschloss und ihnen das Sinnziel ihrer Sehnsucht erschloss, jetzt ist er ihren Augen entzogen. Jetzt wissen sie ihn, wie wir im Bild sagen: „im Himmel“ – natürlich nicht oben über den Wolken, sondern in jener Wirklichkeit, die wir Gott nennen.
Und dann geschieht etwas, was in der Bibel fast immer geschieht, wenn man vom Glück erfüllter Sehnsucht ergriffen wird, wenn die Freude voll, übervoll aus dem Herzen quillt, da heißt es: Da verneigen sie sich tief!
Tiefe Verneigung als Ausdruck erfüllender Freude! Wer sich schwer damit tut, das nachzuvollziehen, diesen Gestus der Verneigung bzw. des Kniens als Erfüllung zu verstehen, der lese einmal die Tagebücher der Jüdin Etty Hillesum, die sie geschrieben hat während der Zeit der Judenverfolgung in den Niederlanden durch die Nationalsozialisten und bis zu Ihrer Deportation nach Auschwitz. Nirgendwo habe ich bisher etwas Existentielleres zum Gestus des Knies gelesen.
Mit dem nun offen Himmel im Rücken, für den Jesus Christus den Seinen die Augen und das Herz erschlossen hat, mit diesem Himmel im Herzen konnten sich seine Freunde wieder dem Leben zuwenden, auch dem alltäglichen, zuweilen sehr banalen Leben.
Dass die Erfahrung des Himmels dabei jedoch nicht einfach mit reinem Glück oder gar Sorglosigkeit zu verwechseln ist, offenbart sich kurze Zeit später wie in einem Brennglas an einem ihrer Mitglieder. Es handelt sich um Stephanus, wohl einem begnadeten Redner der ersten Jerusalemer Christen. Als dieser Stephanus wie Jesus den Himmel durch und durch offen sieht, da sind sie gerade dabei ihn zu steinigen!

* Zwischenmusik *

2. Predigtteil: Pfingsten - Blick ins Leben - Hochschulpfarrer Stephan Seiler-Thies

Den Himmel vor Augen und im Herzen, so war es an Himmelfahrt. Doch nur 10 Tage später hatten sie den himmelweiten Blick wieder verloren - und sich in ihre 4 Wände zurückgezogen. Die Türen verriegelt, die Fensterläden zu! Sie sitzen auf, ja, irgendwie zwischen den Stühlen: sorgenvoll, unsicher. „Wie soll es weitergehen?“ Ohne Jesus? Er ist im Himmel zurück bei seinem Vater. Und sie? Zurück im grauen Alltag, ohne Perspektive. Der Blick wieder ganz eng. Das Leben ausgesperrt!
Kurz vor Pfingsten; 2000 Jahre ist es her, doch ein bisschen ähnlich ist es auch heute. Zumindest mir geht es so. Auf dem Stuhl – ja, irgendwie zwischen den Stühlen – sorgenvoll, unsicher. Wir alle mehr als sonst in unsere 4 Wände zurückgezogen. Der Blick eng, das Leben ausgesperrt! Kurz vor Pfingsten - auch wir. Nur dass draußen keine römischen Soldaten patrouillieren; nicht Verfolgung, Verhaftung, Verhör drohen, sondern ein kleines, fieses Virus. Lebensgefahr, damals und etwas anders auch heute. Und wieder die Frage: „Wie soll es weitergehen?“
Damals für Jesu Jünger und für uns heute eine Krise: Eine Lebenskrise, eine Hoffnungskrise, Stillstand! Oder besser Stillsitzen – zwischen den Stühlen. Bis, ja bis etwas Unerwartetes passiert:
- Lesung: Apg 2, 1-4a (Luther 2017) bis: vom Hl. Geist erfüllt
Der Heilige Geist Gottes fegt in die 4 Wände, in die sich Jesu Jünger verkrochen haben. Und haut sie vom Hocker. Die trostlose Schar springt auf. Die Stühle kippen. Wo gerade noch Krise war, spüren sie nun Rückenwind. Wo sie vorher alles kalt ließ, sind sie nun Feuer und Flamme!
Wow, das wäre etwas auch für uns jetzt! Das könnte ich, das könnten wir alle gerade gut gebrauchen: Rückenwind, wo vieles immer noch stillsteht. Feuer und Flamme, da uns die Krise eher frösteln lässt. Wie wäre es mit einem kleinen Pfingstwunder auch heute!? Vielleicht haut es uns nicht vom Hocker. Aber wir könnten den Stuhl nach hinten schieben und aufstehen.
Geht es euch auch wie mir, dass ihr gerade mehr sitzt als sonst? Arbeit am PC, lesen und lernen, Nachrichten und Grüße per Mail senden, Sitzungen und Seminare per Videokonferenz. Wie wäre es, wenn wir mal wieder aufstehen würden?!
Auch wenn wir noch vorsichtig sein müssen, mit Treffen in großer Runde, mit Besuchen und Veranstaltungen - manches ist doch auch wieder möglich: Ein Spaziergang, Kaffeetrinken im Garten mit gesundem Abstand, der Besuch eines Gottesdienstes oder ein Bummel durch die Stadt. Sicher, manches ist noch ungewohnt. Die Mund-Nasen-Masken - irgendwie lustig, aber auch traurig, weil wir uns nicht wie sonst von Angesicht zu Angesicht sehen.
Trotzdem: Schiebt eure Stühle zurück und steht auf! Steht auf - in und fürs Leben. Steht ein für euch und andere. Und spürt, wie Gottes Geist euren Rücken stärkt. Erlebt, wie er Begeisterung schenkt, und den Blick dafür, dass das Leben eine Perspektive hat.
Klar fragen wir immer noch: „Wie soll es weitergehen?“ Darauf hat wohl derzeit keiner definitiv eine Antwort. Doch, wenn wir aufstehen, passiert etwas Entscheidendes:
* Erstens können wir nicht mehr zwischen Stühlen sitzen.
* Und zweitens wird unser Blick wieder frei und offen.  
Gottes Geist nimmt uns mit in die Weite. Wir stehen auf und bekommen eine neue Perspektive. „Overview“ heißt das – Überschau, Übersicht, Überblick.
Die ersten, die diesen „overview“ hatten, waren die Astronauten der ersten bemannten Mond-Mission Apollo 8. An Heiligabend 1968 machte der Astronaut William Anders das erste Foto der Erde. Unter dem Titel „Earthrise“ ging es in die Menschheitsgeschichte ein und hat alles verändert. Astronauten erleben es immer wieder, der Overview-Effekt löst das Gefühl von Ehrfurcht aus, von der Verbundenheit allen Lebens und der Verantwortung für die Welt. Die Schilderungen und Fotos der Astronauten haben viele Menschen angesteckt mit ihrem neuen Blick.
Overview“ – es ist der Blick über den Horizont hinaus, der Über-Blick aufs Leben.
Overview“ - es ist der Blick vom Weltraum auf die Erde, oder von Himmelfahrt zu Pfingsten.
Schaut nicht auf den Boden, sondern in den Himmel! Blickt nicht hinter euch, sondern vor euch!
Overview“ – es braucht kein Raumschiff oder Teleskope, nicht den Astronautenblick vom Mond auf die Erde. Es reicht Gottes Geist, der uns den Blick weitet über unseren Horizont hinaus, über das Hier und Jetzt hinaus, wo wir mitten im Leben stehen – oder sitzen. Es reicht der gute halbe Meter, den mein Blick weiter wird, wenn ich aufstehe. (aufstehen) Allein das öffnet meinen Horizont. Damit sehe ich noch nicht bis ans Ende der Welt, nicht das Ende der Pandemie, nicht einfach, wie es weitergeht. Aber die 50 Zentimeter, wenn ich aufstehe, sind viel mehr.
Ich kann mich auf den Weg machen, kann Menschen ins Gesicht schauen, kann sehen, was sie und mich umtreibt, welche Sorgen u. Freuden, Sehnsucht u. Hoffnung sie haben. Und dann können wir– wie die Jünger damals - gemeinsam das Leben wagen.
Amen