angedacht - gesegnet - ermutigt * unser Gedanke zur Woche

Wer die Gedanken montags direkt per Mail bekommen will, schreibt uns: hochschulpfarramt.ludwigsburg(a)elkw.de

"Verschoben und nachgeholt"  (Stephan, 04.07.22)

Verschoben und nachgeholt – das ist der Sommer 2022! Manche haben es im Sommer 2021 schon geschafft, aber viele holen jetzt nach, was zwei Jahre wegen eines fiesen Virus kaum möglich war.
Verschoben und nachgeholt: Am Samstag vor einer Woche habe ich meine frühere Jugenddiakonin getraut – Hochzeit 3-mal verschoben, und mich als Pfarrer mitverschoben.
Verschoben und nachgeholt: Jetzt am Samstag habe ich eine frühere Jugendmitarbeiterin getraut – Hochzeit 4-mal verschoben, und ich als Pfarrer bin eingesprungen, denn die eingeplante Pfarrerin hat kurz vorher Corona erwischt.
Verschoben und nachgeholt: Am kommenden Samstag lösen wir das Geburtstagsgeschenk für unseren Sohn ein, die Ehrlich Brothers-Show in Stuttgart, 5-6-mal verschoben. Hoffentlich klappt es!!!
Verschoben und nachgeholt, das gibt es nicht nur bei Familienfesten, sondern auch bei Exkursionen an den Hochschulen, Partys im Studidorf oder Sommerplänen mit Freundinnen und Freunden.

Verschoben und nachgeholt, es ist die Wirklichkeit und das Lebensgefühl des Sommers 2022!
Es tut gut, es ist schön, es füllt unsere Atemspeicher:
Einatmen, ausatmen, durchatmen, aufatmen.
Tief Atem holen, Atem schöpfen, Atem fließen lassen…;
ab und zu auch atemlos (nicht nur durch die Nacht)!
Manchmal ist es zu viel. Wir können nicht alles nachholen! Wir brauchen auch mal eine Pause zum Durchschnaufen. Nicht nur Blick zurück: Was muss ich noch nachholen? Sondern, Leben im Jetzt: Was geht, was wünsche, was will ich im Moment? Genau dazwischen suchen wir das Gleichgewicht, das Gleichgewicht zwischen vorher und jetzt, zwischen atemlos und nicht aus der Puste kommen.

Ganz am Anfang wird der Mensch erst einmal durchgepustet – so heißt es in einer Schöpfungsgeschichte der Bibel. Mit dem Atem des Lebens beschenkt, geht es richtig los. Die Bibel ist im Grunde genommen ein Atem-Buch vom Anfang bis zu Ende, vom Durchpusten bis Durchatmen, vom Außer-Atem-sein bis zum Wieder-zu-Atem-kommen.
Zuständig für den Atem ist Gottes Geist, der auf vielerlei Weise umschrieben wird: Luft und Atemhauch, Lebensquelle und Kraft. Und auch Tröster, denn die Bibel versteht unter Trösten, jemandem helfen, wieder tief durchatmen zu können.
Bevor Jesus seine Jünger verlässt, verspricht er ihnen, Gottes Geist zu schicken als Durchatem-Helfer. An Pfingsten kam der Geist und seitdem ist er da und pustet uns immer wieder durch.

Das hilft, wenn wir vor der Aufgabe stehen, die der Philosoph und Theologe Kierkegaard so umschrieben hat: „Das Leben verstehen wir nur rückwärts, wir müssen es aber vorwärts leben.“ Rückwärts oder vorwärts, verschoben und nachgeholt oder jetzt entdeckt und ausprobiert, wie auch immer wir diesen Sommer erleben, wir sind geisterfüllt, damit uns die Puste nicht ausgeht und wir immer wieder durchatmen können.

Diesen langen und frischen Atem wünsche ich Euch für diese Woche und den letzten Monat im Sommersemester.  

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Knien? Ich doch nicht! (Joachim, 27. Juni 2022)

Knien?!
Das ist doch mal so ziemlich aus der Zeit gefallen. Ein Beispiel dafür sind die Hamburger. Ein Hamburger Hanseat kniet vor niemandem! Das habe ich vor Kurzem erfahren. Das heißt, ein Hamburger unterwirft sich nicht und lässt sich nicht demütigen. Ganz im Gegenteil. So z.B. wenn der Regierende Bürgermeister Hamburgs einen Gast empfängt – und sei es der Bundespräsident höchst selbst – dann geht der Bürgermeister diesem nicht entgegen die Rathaustreppe hinunter, um ihn zu begrüßen, nein er bleibt oben an der Treppe stehen und dort empfängt er den Gast, der zu ihm hinauf kommen muss. Wer also wie die Hamburger etwas auf sich hält, dem fällt das Knien bestimmt so ziemlich als Allerletztes ein.

In den evangelischen Kirchen, soweit ich sie ich kenne, gibt es keine Kniebänke, allenfalls so schräg gehaltene Leisten, auf die man seine Füße stellen kann. Knien ist dort nicht vorgesehen. Und auch in katholischen Gottesdiensten wird es seltener. In manchen kniet niemand mehr. Ich selbst kenne von Kindheit und Jugend an, dass man (zweimal) im Gottesdienst kniet. Aber um ehrlich zu sein, auch ich tat mir damit zumindest eine Zeit lang schwer, diese so fromme, demütige, ja scheinbar devote Haltung einzunehmen, heißt es doch inzwischen (und auch ich betone es immer wieder), dass wir vor Gott aufrecht stehen dürfen. Christen – hier bei uns – knien also nur noch selten; ist es uns nur fremd geworden oder vielleicht sogar peinlich?

Und Muslime!? Ihr Selbstbewusstsein ist faszinierend; und es tut diesem Selbstbewusstsein offensichtlich keinen Abbruch, wenn sie wie beim Freitagsgebet alle am Boden knien und sich immer wieder gemeinsam beim Beten verneigen.

Es hat etwas gebraucht, bis ich nach und nach, den „Wert“ und die Sprache dieser Gebärde wirklich entdeckt habe.

Einmal ist es die Bibel selbst. Der katholische Tübinger Alttestamentler Fridolin Stier († 1981) hat das Neue Testament übersetzt, mit dem Ziel aus dem griechischen Urtext soviel wie nur möglich ins Deutsche herüberzuretten. Er hat um deutsche Begriffe gerungen und wenn er passende gefunden hat, dann hat er überall dort, wo ein bestimmtes griechische Wort geschrieben steht auch immer das gleiche deutsche Wort verwandt (konkordant übersetzt – was die meisten Übersetzungen so nicht unbedingt tun). Und mit Fridolin Stiers Neuem Testament kann man daher manche Entdeckung und Überraschung erleben.
Genau so ging es mir, als ich in seiner Übersetzung im Matthäusevanglium die weihnachtliche Erzählung von den Magiern aus dem Osten las: Sie sind nämlich einzig und allein gekommen, um sich vor dem neugeborenen König „tief zu verneigen“. Und als sie den Stern sahen, freuten sie sich, groß gar groß war ihre Freude (wie Stier übersetzt). Und aus dieser Freude heraus verneigen sie sich tief vor dem Kind und seiner Mutter.
Eine tiefe Verneigung (aus purer Freude) also steht am Beginn des Lebens Jesu, am Beginn des Matthäusevangeliums, am Beginn des Neuen Testaments! Und Zufall oder nicht: Am Ende der Bibel, am Ende der Offenbarung des Johannes, im letzten Kapitel will der „Seher von Patmos“, als er die Worte des Engels hört und sieht, was dieser ihm alles zeigt, vor diesem sich tief verneigen. Doch der Engel wehrt ab mit den Worten: „Vor Gott verneige dich tief!“
Man muss das einfach auf sich wirken lassen: Die tiefe Verneigung ist die wesentliche Körper- und Geisteshaltung sowohl in der Ouvertüre des Neues Testament als auch im Finale der Bibel: Am Anfang und am Ziel mündet alles in ein und denselben Gestus!

Vor rund zehn Jahren entdeckte ich das Buch: „Das denkende Herz, Die Tagebücher der Etty Hillesum, 1941-1943“. Ich habe hier in den Rundbriefen schon von ihr geschrieben. Die jüdische Studentin Etty Hillesum (1943 in Auschwitz ermordet) muss erleben wie Deutschland die Niederlande überfällt und die Nazis systematisch beginnen, die Juden zu verfolgen, zu internieren und sie schließlich in die Konzentrationslager im Osten deportieren. Etty erkennt recht früh, wie sich die Schlinge mehr und mehr (auch um sie und ihre Familie) zuzieht. Und das vollkommen Erstaunliche dabei: Je enger, schwieriger, schlimmer und bedrohlicher die Lage der Juden in Holland wird, desto mehr findet Etty zu sich selbst, zu einer inneren Freiheit und zu ihrem Glauben an Gott. Und nicht minder erstaunlich: Die Gebärde des Kniens, die ihr eigentlich völlig fremd ist, wird zu ihrer ganz persönlichen, ja intimen Gebetshaltung.
Am 21. November 1941 schreibt sie davon, einmal Schriftstellerin zu werden und eine Novelle zu schreiben über „Das Mädchen, das nicht knien konnte“, und „es dann doch lernte“. „Den Vorgang in mir, wie das Mädchen knien lernte, möchte ich in all seinen Abstufungen schildern“. Einige Zeit später: „Ich übe mich im Knien. Ich genierte mich noch zu sehr, wegen dieser Gebärde, die ebenso intim ist, wie die Gebärden der Liebe …“ Im März 1942 notiert sie: „In meinen furchtbarsten und schöpferischsten Momenten … habe ich plötzlich das Bedürfnis, irgendwo in einer ruhigen Ecke niederzuknien …, um aufzupassen, dass meine Kräfte sich nicht im Uferlosen verlieren“. Im Juli 1942, als sich die Situation für die Juden weiter zuspitzt, hält Etty fest: „Das einzige menschenwürdige Verhalten, das uns in dieser Zeit noch geblieben ist: das Knien vor Gott“.
Im September 1942 finden das Zu-sich-selbst-kommen Ettys und die Gebärde des Kniens in vollkommenen Einklang: „Manchmal, in einem unerwarteten Augenblick, kniet plötzlich jemand in einem geheimen Winkel meines Wesens nieder. … Und wer da niederkniet, das bin ich selbst“.
Im Durchgangslager Westerbork vertraut sie es einem Freund an und erzählt: „Ich habe zwei Abende lang gebraucht, bevor ich über das Intimste des Intimen mit ihm sprechen konnte. Und ich wollte es ihm doch so gern sagen, um es ihm gleichsam als Geschenk zu geben. Und dann, dann bin ich auf der großen Heide niedergekniet und habe ihm von Gott erzählt“.
Bis Etty schließlich für sich den Sinn des Knies in Fülle entdeckt: „Die Ruhe zu erwerben. Innerlich produktiv und voll Vertrauen weiterzuleben, sich über alle Ängste und Gerüchte hinwegzusetzen. Daß man sich zwingen kann, in der entferntesten und stillsten Ecke des eigenen Innern niederzuknien und solang knien zu bleiben, bis der Himmel über einem wieder klar und rein ist und es sonst nichts mehr gibt“.

Und dann ist da noch der Journalist und Fernwanderer Wolfgang Büscher, dem ich über sein Reisebuch „Ein Frühling in Jerusalem“ begegnet bin.
Er hat als Nichtkatholik im katholischen Gottesdienst etwas entdeckt und erzählt davon: Ich habe im Grunde genommen einen Ort und einen Grund auf dieser Welt gesucht, das Knie zu beugen. Die Zeit in der wir leben, tut das nicht mehr. Beim Niederknien – so Büscher – handle es sich gerade nicht um eine von außen kommende Demütigung, der ich Folge leiste, sondern ganz im Gegenteil: Es ist eine Demut, die aus dem Inneren, aus mir selbst sich nach außen drängt.
„Dieses Niederknien,“ fährt Büscher fort, „ist für mich sogar etwas … Selbstbewusstes. Ich kann ein selbstbewusster, sogar stolzer Mensch sein und dennoch wissen, dass es etwas Größeres gibt als mich. Und vor diesem Größeren niederknien. Das schließt sich überhaupt nicht aus – im Gegenteil, das ist eine Erfüllung“.

Wie auch bei den Magieren in Mt 2,10-11 und bei Etty Hillesum: Knien, Niederknien, sich tief verneigen – die Gebärde einer Erfüllung!

Man kann „Knien“ sicher theoretisch erörtern, aber eigentlich kann man es nur ausprobieren und einüben. Ob das der eine oder andere Hamburger (heimlich) vielleicht auch tut?

 

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"Verbeugung"  (Stephan, 20.06.22)

Mehr als 35 Grad Celsius im Schatten am Wochenende. Wo lässt sich diese Wahnsinns-Hitze am besten aushalten? Freibad oder Badesee, kühle Kirche oder wohltemperierter Wald…
Wir haben uns bei unserem Familienwochenende für eine Schifffahrt neckarabwärts nach Heidelberg entschieden: Glitzerndes Wasser unter uns, wunderschönes Tal mit Wiesen und Wäldern, Burgen und Schlössern links und rechts, und eine Fahrtwind-Brise um die Nase – herrlich!
Kurz vor Heidelberg direkt hinter einer Schleuse eine Brücke. Etwas niedrig, denke ich noch. Da ertönt ein Warnton und ich traue meinen Augen nicht: Das Steuerhaus senkt sich um einen halben Meter und etwas später auch das Dach des Sonnendecks. Kapitän und Passagiere ziehen das Genick ein und wir kommen wohlbehalten unter der Brücke durch und schippern gemütlich weiter.
Nicht mit dem Kopf durch die Wand! Das Schiff hat einen anderen Weg gewählt: Ich mach mich mal für einen Moment klein, dann komme ich gut durch. Das hydraulische Herunterfahren des Daches hatte etwas Elegantes, Respektvolles - wie eine Verbeugung vor der Brücke!
Normalerweise verbeugen sich nicht Schiffe vor Brücken, sondern Menschen voreinander:
Schauspieler*innen oder Musiker*innen verbeugen sich nach der Aufführung.
In Teilen Asiens ist die Verbeugung Ausdruck der Begrüßung, Verabschiedung oder des Dankes; oder des Respekts, wenn Kampfsportler*innen sich vor und nach dem Wettkampf verbeugen.
Bei uns verabschieden sich bei Beerdigungen manche mit einer Verbeugung am Grab.

Ansonsten aber ist in der westlichen Kultur die Verbeugung etwas aus der Mode gekommen. Vielleicht weil es lange eine Geste war, die die Herrschenden von ihren Untergebenen forderten. Teilweise war das Nicht-Verbeugen sogar eine Protestform. Schon in der Bibel lesen wir davon: Jüdische oder christliche Gläubige verbeugten sich nicht vor Götterstatuen oder dem römischen Kaiser. Es hatte eine früh-demokratische Note: Es gibt einen Gott, ansonsten ist keiner größer, mächtiger oder wichtiger als die anderen, kein Diktator, keine Nation, keine Hautfarbe.
Eine besondere Bedeutung bekam das Verbeugen verbunden mit dem Niederknien im Sommer 2017: Schwarze (später auch weiße) US-Football-Spieler haben diese Haltung bei der Nationalhymne eingenommen; als Zeichen ihres Protestes gegen Rassismus und Gewalt.

Verbeugen ist nicht jedermanns und -fraus Sache. Als Zeichen des Respekts finde ich es schön. Besser als, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen oder mit Panzern und Raketen über andere Länder herzufallen. Dann lieber verbeugen. Daraus kann mehr Lebendiges entstehen.
Die kleine Form der Verbeugung hat in den vergangenen 2 Jahren (als das Händeschütteln nicht so angesagt war) wieder Aufschwung bekommen: das Zunicken. Ein feines, kleines Zunicken auf der Straße, auf dem Campus oder auf dem Spazierweg. Es bedeutet beim Vorübergehen: Ich habe dich/Sie wahrgenommen. Freut mich, Sie zu sehen. Schön, dass du da bist. Alles Gute dir!
Egal, ob wir uns kennen oder nicht, ein Nicken, ein Blick, ein Lächeln, es ist eine besondere Form der Begegnung, kurz, aber nachhaltig. Verbeugen oder Nicken, es ist nur ein klitzekleiner Moment, aber als gutes Gefühl geht es noch eine Weile mit beiden mit und kann den Tag verändern.

Wenn´s schon ein Schiff kann, dann können wir es erst recht!

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"Woher kommen Sie?"  (Stephan, 06.06.22)

„Woher kommen Sie?“ Kann man das (heute noch) fragen? Ist das nicht zu persönlich, möglicherweise übergriffig? Je nachdem, wen wir fragen, vielleicht sogar rassistisch?

„Woher kommen Sie?“ Die Frage lag mir auf der Zunge, vor 4 Tagen: Mittagspause bei einer Fortbildung, wunderschön-sonniger Junitag, ich nutze die 1 ½ Stunden und wandere einen Berg bei Bad Urach hinauf zum Michelskäppele. Herrliche Aussicht über die Stadt, das Tal und Berge der Schwäbischen Alb. Ich setze mich auf eine Bank und genieße.

Da kommt eine Mutter mit ihrem etwa 10-jährigen Sohn aus dem Wald gewandert, setzen sich auf eine Bank neben meiner und staunen ebenfalls - in einer Sprache, die ich nicht zuordnen kann. Es könnte Ukrainisch sein. Und schon beginnen meine Gedanken zu kreisen: Vielleicht eine Mutter, die mit ihrem Sohn vor dem Krieg geflohen und in Bad Urach gelandet ist, die nun die Schrecken für einen Moment vergessen und die grandiose Aussicht genießen können.
„Woher kommen Sie?“ Das wollte ich sie fragen und habe mich nicht getraut. In welcher Sprache hätte ich sie ansprechen sollen? Mit Händen und Füßen? Wie hätten sie sich gefühlt? Hätten Sie sich gefreut, dass sich jemand für sie interessiert? Oder wäre es ihnen unangenehm gewesen, weil sie jemand wegen ihrer Sprache angesprochen hätte?
Jedenfalls habe ich mich nicht getraut - und muss bis heute an Sie denken.

„Woher kommen Sie?“ Das haben Sie damals, am ersten Pfingsten vor rund 2000 Jahren, nicht gefragt – die Freunde und Freundinnen Jesu. Gerade war Gottes Geist über sie gekommen. Und da haben sie nicht gefragt, sondern sind be-geist-ert auf die Straßen Jerusalems hinausgegangen und haben einfach drauflosgeredet, wie ihnen der Schnabel gewachsen war und was ihnen auf Herz und Zunge lag. Sie erzählten von ihren Erlebnissen mit Jesus und wie sich ihr Leben durch ihn verändert hat. Ihre Begeisterung war ansteckend. Die Vielen auf den Straßen und Gassen, „aus aller Herren Länder“, haben die Jünger*innen verstanden, mit Händen und Füßen oder aus und mit vollen Herzen.

„Woher kommen Sie?“ Vielleicht ist das Pfingsten – bis heute: Die Frage nach dem „woher“ ist nicht das Wichtigste. Stattdessen: Erzählt von Euch! Was euch begeistert, was für euch das Leben bedeutet, was ihr schön und gut findet, und was es wert ist, es auch anderen zu sagen. Es kann der Anfang von etwas Besonderem sein.

Damals auf dem Berg also nicht „Woher kommen Sie?“, sondern vielleicht „Ist das nicht eine wunderschöne Aussicht?“. Wer weiß, ob wir so nicht hätten wunderbar ins Gespräch kommen können, mit Händen und Füßen, oder von Herzen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch wunderbare Pfingsten. Lasst Euch begeistern! Spürt das Leben! Erzählt von Euch! Und kommt mit anderen ins Gespräch und Kontakt!

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Hannah, Prophetin der Hoffnung (1 Sam 1-2)
Endlich mal wieder was anderes ... (Joachim, 30.05.22)

Am Freitag war ich auf dem Katholikentag in Stuttgart, Motto: LEBEN TEILEN.

Und das Motto war tatsächlich spürbar. Natürlich waren die Krisen der Welt, der Gesellschaft und der Kirche Themen. Der Krieg in der Ukraine und die Solidarität mit ihr, war auf dem Katholikentag fast überall präsent, war die Klimakrise Thema und selbstverständlich die Krise der (kath.) Kirche und der Machtmissbrauch in ihr. Doch wenn man die Schlagzeilen in den Medien verfolgte, konnte man den Eindruck gewinnen, als ginge es nur um diese Krisen-Fragen. Meine persönliche Erfahrung war eine andere: Endlich mal wieder in großem Stil Lust und Freude an Fragen des Glaubens und auch an Fragen der Kirche. Endlich mal wieder sehen, wie Menschen unterschiedlicher (religiöser) Herkunft zusammenkommen und sich gegenseitig inspirieren – getragen von der Hoffnung, die all unseren guten Willen, unser Tun, unser Engagieren … nicht nur trägt, sondern auch übersteigt.

Wir waren gleich morgens dort, 9:30 Uhr gings los; an verschiedenen Orten in der Stadt lasen verschiedene Persönlichkeiten Hannahs Lob- und Dankgesang (1 Sam), um dann uns Zuhörer an ihren geistlichen Gedanken, an ihrer persönlichen Auslegung teilhaben zu lassen. Wir waren bei der Rabbinerin Ulrike Offenburg. Den jüdischen Zugang zu einem biblischen Text mitzuerleben (mit jüdischer Musik) war das Besondere. Und im Judentum gehört Hannah zu den sieben Prophetinnen und gilt als die Prophetin der Hoffnung.

So im besten Sinne beschwingt suchten wir uns gleich danach bewusst ein theologisches Thema im christlich-jüdischen Dialog aus: „Warum sollen wir erlöst werden?“. Auch hier erfrischend Neues zu hören, das sich in der Theologie entwickelt, stimmt mich an diesem Tag richtig fröhlich. Und dann gibt es die Gelegenheit u.a. Autoren kennenzulernen, von denen ich in der letzten Jahren Bücher gelesen habe. „Theologie und Kunst im Gespräch über Gott“, war das Unterthema. Das Hauptthema mag für manche Ohren befremdend und wenig anziehend und etwas altbacken klingen: „Vor Gott: aufrecht. Und die Knie gebeugt“. Dabei waren die derzeit wohl intellektuell anregendste Schriftstellerin Nora Bossong (Roman: „Schutzzone“), der neugierig Reisende Journalist Wolfgang Büscher (Reiseliteratur: „Ein Frühling in Jerusalem“), der Film- und Medienkünstler Thomas Henke (leider nicht in Präsenz vor Ort, „Film der letzten Zuflucht“) und Dramaturg Bernd Stegemann.

Ausgewählt für dieses Podium waren sie, weil sie ausgesprochen gute Beobachter dessen sind, was nur Aufmerksame wahrzunehmen vermögen. Und so gab jeder eine Erfahrung preis und was diese mit „Demut“ zu tun hat; sehr persönlich und zugleich sehr reflektiert erzählten sie. In ihrem Gespräch untereinander ließen sie uns an ihrem Denken und – ja an ihrem Leben – teilhaben und erinnerten uns auf diese Weise, wie aktuell und geradezu modern und wirksam das althergebrachte und für viele schon lange auf dem Schutt der Geschichte entsorgte Wort „Demut“ sein kann, als etwas, das man nicht machen, nicht verordnen, sondern aus eigenem Wollen und Entschließen an und in sich selbst wirken lassen kann. Und weil das Verb dazu „demütigen“ ist, waren wir mittendrin in den aktuellen Krisen, ohne sie ausführlich thematisieren zu müssen.

Der Nachmittag war dann vor allem von persönlichen fast nur „zufälligen“ Begegnungen, geprägt. Und Persönlichkeiten aus der Politik konnte man ebenfalls zufällig – zumindest –  sehen. Drei, vier Bodyguards plötzlich um sich herum und dann neben einem stehend Ministerpräsidentin Malu Dreyer oder beim Kaffee am Nachbartisch der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Gespräch.

Ich selbst hatte dann um 17 Uhr beim Stand der kirchlichen Mitarbeiter eine der stündlichen Kurzpredigten zu halten. Mein Thema: Hoffnung! Ich habe vor einem Jahr dazu Euch in einem Rundbrief etwas geschrieben. Und diesen Rundbrief vom April 2021 nahm ich, um daraus „Gedankensplitter zur Hoffnung“ den vielleicht Fünfzehn, Zwanzig, die stehenblieben und zuhörten, mit auf ihren Hoffnungsweg zu geben.

Hoffnung und Glauben waren Themen, ganz wesentliche auf dem Katholikentag; in den Medien dominierten leider wieder mal nur andere. Aber für die, die dabei waren, bestand zumindest die Möglichkeit, sich von Glauben und Hoffnung inspirieren zu lassen – trotz aller Krisen.

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"Alle sollen dabei sein!"  (Stephan, 09.05.22)

Am Wochenende waren wir als Hochschulgemeinde bei einer Weltpremiere der Passionsspiele in Oberammergau. Die Passionsspiele gibt es seit fast 400 Jahren, die Jugendtage fanden das erste Mal statt – und wir waren dabei!

Prolog / Buchung: Wir waren mit 20 angemeldet, aber es gab nur noch 11 Übernachtungsplätze. Da setzte eine der Ferienwohnungsbesitzerinnen Himmel und Erde in Bewegung und organisierte für uns weitere Zimmer – einfach weil ihr Motto ist: „Alle sollen dabei sein!“

1. Akt / Ankunft: Mit Zugverspätung und bei strömendem Regen kamen wir in Oberammergau an. Und dann die Frage, wo Abendessen? Bei einem Gasthof gab es die Auskunft: „Kommt schnell, der Koch muss noch zur Schauspielprobe. Wir hatten mit 90 Abendessen geplant, jetzt sind wir bei 150. Da kommt es auf euch 20 auch nicht mehr an. Alle sollen satt werden!“

2. Akt / Nachtisch: Wir hatten das Essen gezahlt. Da stand die Wirtin plötzlich im Türrahmen und begann, aus dem Nähkästchen zu plaudern, wie die Passionsspiele seit Generationen alles bestimmen, den Ort und ihre Familie. Und dass sie es mit anderen Frauen war, die 1990 vor Gericht durchgefochten hat, dass alle Frauen im Ort mitspielen dürfen, nicht nur die unter 35-jährigen und unverheirateten. „Alle sollen dabei sein! - dafür haben wir gekämpft.“

3. Akt / Einführung: Der Bruder der Wirtin ist zum 4. Mal der Regisseur und führt uns am Samstagmorgen ins Stück ein. Eine Regel der Passionsspiele: Mitspielen dürfen die, die in Oberammergau geboren oder seit 20 Jahren dort wohnhaft sind. Alle, die das erfüllen und sich anmelden, spielen mit. In einer Saison waren es mal 400 mehr. „Da musste ich schnell ein paar Volksszenen für 400 Leute dazuschreiben. Denn eins ist klar: Alle dürfen dabei sein!“

4. Akt / Passionsspiel 1. Teil am Nachmittag: Das Spiel beginnt mit Jesu Einzug in Jerusalem. Und da ist die riesige Freilichtbühne gleich rappelvoll. Insgesamt spielen und singen 1400 Laienschauspieler*nnen mit. Und dazu nochmals 450 Kinder. Unter ihnen auch Flüchtlingskinder, die in Oberammergau untergekommen sind. Denn bei Kindern gilt die Regel der Geburt und 20 Jahre in Oberammergau nicht. Bei Kindern „dürfen alle dabei sein!“

5. Akt / Passionsspiel 2. Teil am Abend: Die zweiten 2 ½ Stunden finden am Abend statt. Nun auch dabei zwei stolze Rappen, die Pferde des römischen Hauptmanns und des Statthalters Pilatus. Und mit dabei ein Unterammergauer! Ihm gehört eines der Pferde und er muss es über die Bühne führen. Große Ausnahme! Nicht alle, aber der eine aus dem Nachbarort „darf dabei sein“.

Epilog / Sonntagsgebet: Ein Rabbiner aus München feiert mit uns am Sonntagmorgen ein jüdisches Morgengebet. Zwischen den verschiedenen hebräischen Gebeten lädt er uns an einer Stelle zum Stillen Gebet ein und sagt: An dieser Stelle können wir Gott für alles danken und bitten, für Frieden und Liebe, für gutes Wetter und gute Verdauung, „alles darf dabei sein.“ Hätten wir das mal vorher gewusst und gebetet. Unser ganzes Passionsspielwochenende hat es durchgeregnet!

Nachspiel / Judas: „Alle sollen dabei sein.“ Nur einer ganz am Ende doch nicht: Judas. Der hat sich im Stück noch erhängt. Leider, denn die biblische Forschung sagt längst, dass es wohl anders war. Doch da ist das Passionsspiel noch traditionell, obwohl schon viel überarbeitet wurde. Vielleicht darf Judas ja in 8 Jahren bei den nächsten Passionsspielen bis zum Schluss dabei sein.

Ein großartiges Wochenende haben wir miterlebt, und immer wieder „Alle sollen dabei sein!“
Nur im Theater, nur am Wochenende, nur in Oberammergau? Ich wünsche es euch auch im echten Leben, für diese Woche, in LB oder wo auch immer ihr seid: „Alle sollen dabei sein!“

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Schwebender Engel
(Joachim 2.5.22)

In der Antoniterkirche in Köln mitten in der Stadt hängt in einer Seitenkapelle seltsam schwebend ein Engel in der Luft: Der Schwebende Engel von Ernst Barlach.

Wir waren mit unserem Enkel in der Innenstadt von Köln unterwegs und gingen in die Kirche um den Engel „zu besuchen“. Als wir vor ihm standen blickte er staunend hinauf. „Aber der hat ja gar keine Flügel!“, rief er leise. Ja, Engel hatten natürlich Flügel zu haben, wieso ausgerechnet der nicht? Und also erzählte meine Frau ihm eine Geschichte, wie sie ihm immer eine Geschichte erzählt. Und wie immer hörte er staunend zu. Dass es so etwas wie Krieg gibt mit Bomben und Raketen, ist ihm bereits (und auch jetzt ganz aktuell) bewusst, auch dass dies alles Leid und Tod bedeutet und dennoch glücklicherweise er sich in seiner kindlichen Phantasie noch weit weg von den Kriegsbildern und erst recht von den Realitäten bewegt. „Ja weißt Du“, begann seine Oma zu erzählen, „im Krieg fielen Bomben, auch auf die Kirche und dabei fiel dieser Engel herunter und so er verlor beide Flügel …“

Und so dachte ich mir: Ja, das ist im Grunde die Wahrheit – natürlich nicht die historische, aber eben doch die Wahrheit. Der Krieg hat diesen Engel geformt letztlich zu einem Friedensengel, der die Realität des Krieges in sich trägt und sie nicht überspielt (nach dem Erzählen für das Kind nun erkennbar an den fehlenden Flügeln).

Der Künstler Ernst Barlach (1870-1938) hatte seinen Engel 1927 anlässlich der 700-Jahr-Feier des Güstrower Doms geschaffen im Gedenken an die Toten des Weltkrieges (1914-1918). Als Mahnmal für die Opfer des Krieges war der Schwebende eine revolutionäre Neuerung. Die Nazis hatte das natürlich realisiert und den Bronzeengel daher kurzerhand als „entartete Kunst“ vernichtet.

Doch Freunden Barlachs gelang es das Werkmodell zu retten und einen zweiten Bronzeguss herstellen zu lassen. Dieser Zweitguss des Schwebenden Engels ist nun hier in Köln in der Antoniterkirche aufgehängt und schwebt leicht über Kopfhöhe und über einer Bodenplatte mit den Jahreszahlen 1914-1918 und 1933-1945.

Mehr braucht es nicht. Der Engel trägt seine Botschaft schwebend. Ernst Barlach sagte über seinen Engel – damals in Güstrow: „Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.“

Und dieses Gefühl, so glaube ich, teilen wir mit ihm, mit Ernst Barlach, jetzt wieder im Jahr 2022. Und der schwebende Engel ist dafür ein sichtbares, stummes, beredtes Zeichen.

Wenn man Köln besucht, dann gehören natürlich der Dom und Groß St. Martin und noch einige andere Kirchen zum Schatz dieser im II. Weltkrieg plattgemachten Stadt – und ganz gewiss der schwebende Engel in der Antoniterkirche.
Nach dem Zweitguss konnte noch ein dritter Guss angefertigt werden. Und dieser „Dritte Engel“ schwebt wieder am ursprünglichen Bestimmungsort im Dom zu Güstrow.

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Ostererlebnis mit dem kleinen, roten Auto  (Stephan, 25.04.22)

Mein Ostererlebnis 2022 war schon kurz vor Ostern – denn da parkte der kleine rote Flitzer in unserer Straße.
Ausgerechnet in der Karwoche wurde vor dem Fenster meines Arbeitszimmers eine Baustelle eingerichtet. Die Woche vor Ostern ist normalerweise stiller und besinnlicher, dieses Jahr aber war es ohrenbetäubend laut. Polternd wurden Straßenabsperrungen aufgebaut, der Asphalt kreischend aufgesägt, Bagger hoben dröhnend einen Graben aus und Laster rumpelten mit dem Schutt davon. Und mittendrin stand das kleine, knallrote Auto!
Es muss früh am Morgen geparkt worden sein, zwischen Baggern, Absperrvorrichtungen und auf dem schon aufgeritzten Asphalt. Der Fahrer oder die Fahrerin war wohl etwas müde gewesen und hatte außer dem schweren Baugerät auch die Halteverbots- und Baustellenschilder nicht gesehen.

Auf jeden Fall ging es an dem Morgen so richtig los mit den Bauarbeiten. Und ich war mir sicher: In spätestens einer Stunde ist der Abschleppwagen da. Aber nichts davon! Den ganzen Tag arbeiteten die Bauarbeiter um das kleine Auto herum. Es staubte, es war laut, das Loch in der Straße wurde länger und größer, doch mittendrin ganz friedlich dieser rote Lichtpunkt – ohne einen Kratzer abzubekommen, parkte es dort seelenruhig auch noch, als die Bauarbeiter Feierabend machten. Als ich spät abends von einer Veranstaltung bei uns in der ESG-KHG zurückkam, war es weg. Wie es durch die Rundum-Absperrung gekommen ist, keine Ahnung. Ich habe mich gefreut – es war mein Ostererlebnis 2022:

- Ein Graben klafft in der Straße und riesige Fernwärme-Rohre werden gerade dort verlegt.
Sie liegen unten in dem langen Loch wie in einem Grab – wie damals Jesus, nachdem er gekreuzigt wurde, wie andere Menschen, die (im Krieg, im Alter oder an Krankheit) sterben und beerdigt werden. Kein schöner, sondern ein traurig-trostloser Anblick.

- Zugleich erinnere ich mich an das kleine, knallrote Auto mitten in der Baustelle. Und ich vermisse es ein wenig.
Es war ein Lichtpunkt in dem Chaos, ein Lebenszeichen neben dem ausgebaggerten, dunklen Loch. Ich stelle mir vor, wie es spät abends fröhlich fortgefahren wurde: Tschüss, Baustelle! Ich fahre zurück ins Leben! So wie Jesus zurück ins Leben kam, so wie wir es für uns alle hoffen, dass ganz am Ende ein neues Leben wartet.

- Und ich freue mich bis heute über die Bauarbeiter, die nicht ihr Recht durchgesetzt haben und das kleine Auto haben abschleppen lassen, sondern drumherum gearbeitet haben.
Ich freue mich an ihrer Liebe zu dem Auto, von dem sie nicht wussten, wer so schusselig war, es mitten in der Baustelle zu parken.
Die Liebe der Bauarbeiter erinnert mich an Gottes Liebe. Der holt auch nicht gleich den Abschlepper und schafft weg, wenn wir mal schusselig, unfair oder bösartig sind. Auch Gott gibt uns die Chance, wieder umzudrehen und zurück ins Leben zu fahren.

Ostern 2022, dieses Jahr ist es für mich der kleine, knallrote Flitzer auf der Baustelle: 
Zwischen den Gräben auf Baustellen, den schwarzen Löchern in der Welt, den dunklen Abgründen des Lebens gibt es knallbunte Lichtpunkte und überraschende Lebenszeichen, und die bewegen sich auch noch über Absperrungen hinweg!
Und wenn wir genau hinschauen, können wir auch die Liebe entdecken, bei Bauarbeitern, bei Gott und auch bei uns und um uns herum.

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Ostern – „Vielleicht ist irgendwo Tag“    (Joachim, 11.04.22)

Vor kurzem stellte jemand die Frage in den Raum: „Wie sollen wir Ostern feiern, wo mitten in Europa ein solcher Vernichtungskrieg gegen die Ukraine geführt wird?“ Ostern, also Gott und das Leben feiern, in das Halleluja einstimmen, wo der Tod in brutalster Weise ins Leben einbricht?

Mir ist im Laufe der Jahre bei meinen Predigten und geistlichen Worten aufgefallen, dass ich zunehmend das Modaladverb „vielleicht“ verwende. Nicht dass ich mir – in aller Vorsicht gesprochen – meines Glaubens nicht mehr gewiss oder der Zweifel übergroß geworden wäre, sondern es ist eher so, dass mir die Kraft dieses unscheinbaren, vorsichtigen und so schwach daherkommenden Wortes „vielleicht“ im Laufe der Jahre aufgegangen ist und sich mit meiner Lebens- und Glaubenserfahrung verflochten hat.

Unlängst habe ich über den islamischen Schriftsteller Navid Kermani gelesen, dass er seiner Tochter seinen Glauben zu erschließen sucht. Also machte er sich daran, ihr mit einem eigenen Buch und in seiner eigenen Sprache den Islam zu übermitteln und dabei auf die Fragen der Tochter einzugehen und Antworten zu finden. Er schreibt ihr, dass er mit dem Koran der Überzeugung sei, dass der Mensch sich mit dem ersten Atemzug an etwas wende, was er nicht beschreiben, geschweige denn begreifen kann. Am Ende fragt er seine Tochter, was sie wohl glaube, was für ihn das wichtigste Wort im Koran sei. Das Wort lautet „vielleicht“:  es gibt kaum ein Wort, das häufiger im Koran vorkommt. Vielleicht, dass ihr dankbar seid, vielleicht, dass ihr einseht, vielleicht, dass ihr Barmherzigkeit findet.

Navid Kermani, Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott, München 2022.

Da ist diese Energie des „vielleicht“, die ich zum ersten Mal bewusst als solche wahrgenommen habe, als ich einer Erzählung von Martin Buber und darin der Kraft des „vielleicht“ in seiner geradezu faszinierenden und zugleich fürchterlichen Wucht begegnet bin. Martin Buber erzählt von einem fortschrittlichen Gelehrten, der den althergebrachten Glauben des chassidischen Rabbiners Levi Jizchak von Berditschew als vollkommen obsolet erweisen will. Doch es kommt anders.

Vielleicht

Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der vom Berditschewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er’s gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. …
Zu finden z.B. unter:
https://www.martin-buber.com/zitate/vielleicht/

Ostern – „Vielleicht ist irgendwo Tag“
Ja, ich glaube darin kann – zumindest für mich – der Schlüssel zu Ostern liegen in solch unösterlichen Zeiten. Einer meiner theologischen Lieblingslehrer, dem ich persönlich nie, sondern allein in seinen Büchern begegnet bin, ist der Tübinger Alttestamentler und wortmächtige Denker Fridolin Stier, ein Freund Martin Bubers. Kurz vor seinem Tod 1981 erschien sein geistliches Tagebuch und es trägt den Titel: Vielleicht ist irgendwo Tag. Der Titel ist kein Zufall, sondern die Eröffnungszeile eines Gedichtes, das er im November 1971 schrieb. Wenige Wochen zuvor kam seine über alles geliebte Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Er ringt – nicht erst jetzt, aber jetzt erst recht – mit Gott. Einen Tag nach Allerseelen, also dem katholischen Totengedenktag, schreibt er diese Zeilen. Er war wohl am Tag zuvor bei trübem Novemberwetter auf dem Friedhof am Grab seiner Tochter, als für einen kurzen Moment die Regenwolken aufreißen und durch die Wolkendecke hindurch Sonnenstrahlen zu ihm am Grab dringen.

Vielleicht …

Aus dem Spalt
in der Wand
des Alls…
Friedolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag, Freiburg, Heidelberg 1981, online zu finden unter:
https://www.pg-saalethal.de/component/rsfiles/download?path=oeffentlich%252FImpulse%252FGebete%252F2021-03-Fastenzeit-Kreuzweg%2BToGo.pdf&Itemid=101 (dort unter 15. Station)

Ja, es ist Krieg – und es ist Ostern.

Es ist dies „mein“ Osterwunsch 2022, dass die Sonne der Osterbotschaft, die sich förmlich aus dem „vielleicht“ ins Leben herausdrängt und durch all die unfassbare Vernichtungsgewalt hindurchbricht, vor allem die Menschen in der Ukraine in ihrem Herzen immer noch erreicht und ermutigt: Vielleicht ist irgendwo Tag. Auch Euch möge dieser Osterwunsch im Herzen berühren.

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"Bleiben Sie zuversichtlich!"    (Stephan, 04.04.22)

„Bleiben Sie zuversichtlich!“ Jeden Abend dieser Satz, jeden Abend, wenn Ingo Zamperoni die Tagesthemen moderiert. Seit zwei Jahren gibt „Mr. Tagesthemen“ den Satz weiter an uns, wie einen Gute-Nacht-Gruß. Egal wie schlimm die Nachrichten waren, am Schluss ein Lächeln und: „Bleiben Sie zuversichtlich!“.
Ich warte immer auf die Worte, sie gehören dazu, ich höre sie gerne, weil sie trösten, stärken und Hoffnung geben, weil sie begleiten in die Ruhe der Nacht und die Überraschungen des nächsten Tages.
„Bleiben Sie zuversichtlich!“ In letzter Zeit höre ich die Worte aber mit Bauchgrummeln. Es sind gerade echt harte Zeiten für die Zuversicht. Und ich glaube, Ingo Zamperoni kommt es auch nicht immer leicht über die Lippen. Das Lächeln eher verhalten, eine nachdenkliche Pause vor seinem Abschluss-Satz oder ein klitzekleiner Einschub „Bleiben Sie - nach wie vor - zuversichtlich!“
Ich kann es verstehen, denn mit der Zuversicht ist es zurzeit nicht so einfach:
- Schlimme Nachrichten allabendlich: aus der Ukraine, zu Corona und Schnee auf Aprilblüten. Das Klima ist am Limit – in vielerlei Bereichen.
- Traurige Erlebnisse letzte Woche: Eins unserer Meerschweinchen ist gestorben. Eine meiner jungen Kolleginnen ist gestorben, sie hatte die Zuversicht zum Leben verloren.

Zuversicht, eher Fehlanzeige! Aber manchmal blitzt sie wieder auf, die Zuversicht:
- Kürzlich traf ich einen ehemaligen Schüler meines Reliunterrichts. Nun ist er in der Berufsschule, hat aber gerade keine Zeit fürs Lernen: Er organisiert Hilfstransporte für die Ukraine.
- Wir hatten in der ESG-KHG ein digitales Vorbereitungstreffen für alle, die mit uns im Mai ein Passionsspiel-Wochenende in Oberammergau besuchen. Ich freu mich riesig darauf.
- Diese Woche startet auch die PH ins Sommersemester. Wie schön, viele neue und alte Gesichter wiederzusehen oder neu kennenzulernen, und das nicht nur am Bildschirm!
Das baut auf und gibt Zuversicht. Und weil es so gut tut, bitte, bitte, den Satz nicht aufgeben: „Bleiben Sie zuversichtlich!“ Unbedingt beibehalten, jeden Abend wieder! Egal ob es schwer oder schön ist oder wir hoffen, dass es (nur) noch besser werden kann. Das mag manchen naiv, blauäugig oder wie ein frommer Wunsch vorkommen. Warum nicht!?
- „Naiv“ kommt übers Französische ursprünglich vom lateinischen Wort nativus „geboren“.
- „blauäugig“ ist schön, so schön wie grüne, braune, schwarze… Augen.
- frommer Wunsch, ist auch nicht das Schlechteste. Besser als keine Wünsche mehr zu haben!
Freuen wir uns, wenn die Zuversicht immer neu geboren wird, blau oder bunt lebendig wird und wir sie immer wieder wünschen, uns und anderen.

„Bleiben Sie zuversichtlich!“, wie ein Gute-Nacht-Gruß, wie ein Abendritual, wie ein Segen.  Denn zuversichtlich muss und kann ich nicht immer für mich sein oder bleiben. Aber ich kann mir die Zuversicht immer wieder sagen und schenken lassen, von „Mr. Tagesthemen“, von Freund*innen und auch von Gott.
So mache ich jetzt den Anfang und ihr könnt es weiterschenken, ob zum Start ins Studium, ins Sommersemester oder einfach zum Beginn einer „normalen“ Woche: Bleibt zuversichtlich, seid gesegnet und werdet glücklich!

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"Wie beten im Angesicht des Krieges?"    (Joachim, 28.03.22)

Um sich zu vergegenwärtigen, was gerade passiert in der „Hölle von Mariupol“ nur ein paar wenige Zitate aus dem Facebook-Tagebuch der Journalistin Nadezhda Sukhoukova aus Mariupol (Quelle: FAS vom 27.3.22).

Wenn die Raketen fliegen, klingt es, als rase ein gigantischer Killerzug auf dich zu, unter dem die Erde dröhnt und bei dessen Anblick das But in den Adern gefriert. ... Meine Lieblingsstadt wird von russischen Besatzern getötet. Wir hassen sie und wünschen ihnen den Tod. ... Ich kann nicht verstehen, gegen wen diese Arschlöcher Krieg führen. Gegen Kinder, Frauen, Neugeborene, gegen Ärzte, gegen Kranke? Warum bombardieren diese Goblins Schulen und Kindergärten, Krankenhäuser und Entbindungsstationen? Sie sind zu Kindsmördern und Terroristen mutiert.
Ihr russischen Idioten, bei uns sterben Kinder, ihre Eltern wollen euch packen und mit bloßen Händen abwürgen. Was habt ihr in unserem Land zu suchen? Wahrscheinlich den Tod. ...
Als ein Geschoss das Dach durchschlug ... Unter schrecklichem Beschuss flohen wir in die Garage. Ringsum heulte und explodierte es pausenlos, und Kyrill schrie: „Mami, bitte, Mami! Ich will leben. Ich will nicht sterben!“ ...
Eine Nachbarin sagt: Gott hat Mariupol verlassen. Weil er erschrocken ist vor alledem, was er gesehen hat.

Zwei Tage vor diesem Zeitungsartikel bin ich auf ein Gebet gestoßen. Der Pfarrer und Journalist Stephan Wahl, der in Jerusalem lebt und also den andauernden, auch militärischen Konflikt zwischen Israel und Palästina kennt, hat einen Psalm geschrieben, um den Schrecken über die Tragödie in der Ukraine im Beten vor Gott zu bringen: Es ist Krieg. Ein ratloser Psalm.
Er ringt und findet Worte für das, was im Gebet kaum auszusprechen ist und erinnert an den Gebetsschrei, wie er in den Psalmen des Ersten Testamentes (AT) lebendig ist.

Es ist Krieg. Ein ratloser Psalm. (von Stephan Wahl, Jerusalem)

Aufgeschreckt bin ich, Ewiger, reibe mir zitternd die Augen,
ein Traum muss es sein, ein schrecklicher, ein Alptraum.

Entsetzt höre ich die Nachrichten, kann es nicht fassen.
Soldaten marschieren, kämpfen und sterben. Es ist Krieg.

Der Wahn eines Mächtigen treibt sie zu schändlichem Tun,
mit Lügen hat er sie aufgehetzt, mit dem Gift seiner Hassreden.

… (hier der Link zum Psalm)

Möge dieser Krieg doch endlich zu einem Ende oder wenigstens zu einer Waffenruhe kommen!

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"Noch bei Trost?!"    (Stephan, 21.03.22)

„Ja, ist der denn noch bei Trost!?“, höre ich einen schimpfen, „dieser Putin, dieser Kriegsverbrecher und Menschenverächter. Wer stoppt diesen Irren!?“ Raus muss sie, die Wut im Bauch, der Ärger an die Luft, der Zorn über die Lippen.
Und am liebsten würde ich mitschimpfen: „Raketen auf Krankenhäuser und Wohnhäuser, Bomben auf Kindergärten und Balkongärten! Ohne Respekt vor dem Leben, nicht dem kleinen und nicht dem großen. Was für ein Irrsinn, Wahnsinn, Unsinn, Schwachsinn, Blödsinn - von Sinnen - sinnleer, sinnlos!Ja, ist der denn noch bei Sinnen, bei Verstand, ist der noch bei Trost!?“

Tut gut, sich all die Wut frei von der Leber zu schimpfen. Doch dann bleibt mir der Trost im Halse stecken, dreht sich im Kreis und kommt zu mir zurück. Ist der noch bei Trost?!“ Vielleicht (ich weiß es nicht) bräuchte auch Putin eine Portion Trost, um von seinem untröstlichen Treiben abzulassen. Auf jeden Fall brauchen wir Trost:  
Trost allen, die um ihre Liebsten weinen, die getötet wurden.
Trost allen, die auf der Flucht sind und nicht wissen, wohin in ihrer Not.
Trost allen, denen es bei den Schreckensnachrichten das Herz zerreißt.
Trost allen, die versuchen zu helfen und Menschlichkeit, Heimat und Trost schenken wollen.
Und Trost auch allen, die verzweifeln an der Menschenvernunft und der Gottesliebe.
Apropos Gott: Ist der noch bei Trost?! Wie kann er so ein Elend zulassen? Warum tut er nichts? Auch der Glaube kommt ins Wanken oder geht fast verloren. 
Da kommt mir ein Bibelsatz in die Quere: Der Vater der Barmherzigkeit und Gott des Trostes, er tröstet uns in unserer Not, damit auch wir trösten können, die in Not sind.“ (2. Kor 1,3-4)

Das ist kein Allmächtiger, kein Herrscher, der endlich reinhaut und alles zu Ende bringt. Nein, da ist ein tröstender Gott, zärtlich statt zertrümmernd, sanft statt stark, väterlich und mütterlich. In der Bibel wird das Trösten beschrieben, wie wenn wir im Arm unserer Mutter liegen. So nah wie eine stillende Mutter ist uns Gott. Was für ein unvorstellbarer Gedanke, unvorstellbar schön!
Das hebräische Wort für „trösten“ bedeutet „zu Atem kommen“ – in drei Atemzügen:
Ich bin dem Gegenüber so nahe, dass er meinen Atem spürt.
Ich ermögliche ihm oder ihr befreiende Stoßseufzer.
Wir können miteinander neu auf- und durchatmen.
Trösten heißt nicht, dass alles auf einmal wieder gut ist. Ich kann mit Trost nicht einfach den Krieg, und Corona und all die Not aus der Welt schaffen. Aber da ist jemand an der Seite. Wir teilen und halten miteinander aus, bis es wieder geht, bis wir wieder aufatmen können.

„Ja, bist du noch ganz bei Trost?!“ - „Ich hoffe sehr“, möchte ich antworten. Ich hoffe es sehr für uns alle, dass uns Kraft geschenkt wird zum Durchhalten; die Hoffnung, nicht zu verzweifeln und der Verstand, das Richtige zu tun – und dass wir bei ganz viel Trost sind:
bei Seelentrost und Frühlingstrost, bei Glückstrost und Glaubenstrost, voller Trostgedanken und Trostgeflüster, mit Trostpflastern und Trostquellen, trosterfüllt und trostfähig…

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"Zweifelmut"    (Stephan, 07.03.22)

„Zweifelmut“, dieses Wort ist mir in diesen Tagen ins Auge gesprungen. Es stand auf einem Plakat in Ludwigsburg. Das Wort hat mich gepackt.
Seit 12 Tagen schickt Putin seine Truppen und Raketen in die Ukraine, und ich fühle mich zweifelmutig, zwischen Zweifel / Verzweiflung einerseits und Mut / Ermutigung andererseits.
* Am Donnerstag des Angriffs war ich bei einer Tagung in Bonn. Beim Frühstück machen die schlimmen Nachrichten die Runde. Mittags gerate ich am Bonner Hauptbahnhof in die Weiberfastnacht, lauter verkleidete Narren um mich herum. 4 Tage später Hunderttausende in Köln, die ihren Fastnachtsumzug zur Friedensdemo umwandeln: Zweifelmut!
* Bei einer Friedenskundgebung in Ludwigsburg erzählt eine ukrainische Schriftstellerin von 3 Babys, geboren in U-Bahnschächten von Kiew. In den Tagesthemen am Abend schaut ein Baby mit großen Augen in die Kamera. Die Mama erzählt weinend, ihr Kind sei ein Zeichen des Lebens inmitten von so viel Sterben. Ich hätte mitheulen können: Zweifelmut!
* Immer wieder fordern Ukrainer, dass wir Waffen zu ihrer Verteidigung liefern sollen. Nun liefert Deutschland und rüstet massiv auf. Schon immer war meine Überzeugung pazifistisch: Waffen können keinen Frieden garantieren und sorgen im Kriegsfall für noch mehr Leid und Tod. Jetzt bin ich unsicher: Zweifelmut!
Ich fühle mich gerade zweifelmutig. Und ich weiß, anderen geht es ähnlich.
Ich könnte verzweifeln an dem Irrsinn des Krieges, an den Gewaltfantasien von Größenwahnsinnigen und dem Leid so vieler Menschen, die eigentlich in Frieden leben wollen, wie wir auch.
Zugleich fühle ich – unfassbar und überhaupt nicht unter einen Hut zu bringen – Mut.
Ich finde es ermutigend, wie viele für den Frieden auf die Straße gehen, sogar in Russland, wo das wirklich gefährlich ist.
Ich finde es ermutigend, dass am Donnerstag beim Friedensgebet auf dem Ludwigsburger Marktplatz so viele Kerzen angezündet wurden, dass das Peace-Zeichen zu klein war, so dass es am Ende zwei-reihig erleuchtet war.
Ich finde es ermutigend, wie viele den Kriegsflüchtlingen helfen, in der Ukraine, in den Nachbarländern und auch hier bei uns.
„Zweifelmut“ - wie gut, dass in diesem Wort der Zweifel den Mut an die Seite gestellt bekommt. Zweifelmutig hoffe ich, dass die Kraft der Gespräche über die Macht der Gewalt siegen wird. Zweifelmutig hoffe ich, dass Frieden möglich wird – lieber morgen als übermorgen.
Mein Mut im Zweifel wird gerade getragen, wenn wir miteinander reden, wie es uns geht, was uns hilft, wonach wir uns sehnen. Zweifelmutig reden wir, beten wir, protestieren wir und hoffen wir. Ich hoffe, dass auch ihr mit anderen den Mut wiederfinden und festhalten könnt.
Übrigens, erst später habe ich erfahren, wofür das Plakat eigentlich geworben hat: Eine Aufführung der Bachakademie Stuttgart im Ludwigsburger Forum.
Unter der Überschrift „Zweifelmut - BachBewegt!“ haben Schüler*innen u.a. die Bachkantate „Erfreut euch, ihr Herzen“ getanzt. In ihr heißt es „Besiege mich und meinen Zweifelmut, / der Gott, der Wunder tut“.
Das hätte ich gerne miterlebt, wie junge Menschen den Zweifelmut im Tanz zum Ausdruck bringen. Leider war die Aufführung schon vorbei.
So tanze ich Ihnen in meinen Gedanken nach, nehme es mit in mein Leben und teile den Zweifelmut mit anderen.

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"Punkt 3!"    (Stephan, 31.01.22)

Was macht ihr um 3 Uhr? Nicht mitten in der Nacht, sondern mittags um 3, also 15 Uhr. Was machst du um 3 Uhr? – so fragt Lilli in einem nachdenkenswerten Text, den ich kürzlich gelesen habe. Und ich kam ins Schleudern, denn ich wusste so schnell keine Antwort für mich. Den Text hat die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk geschrieben. Hier – leicht gekürzt – für euch: 

Was machst du um drei Uhr? – hat Lilli gefragt. Ja, was werde ich schon tun, ich weiß es nicht, wahrscheinlich arbeiten.
Denk mal nach, hat Lilli gesagt, was du jeden Tag um drei Uhr machst. Also denke ich jetzt nach.
Meistens versäume ich den Zeitpunkt. Wenn ich zur Uhr schaue, ist es meist später als drei. Fünfzehn Uhr achtunddreißig. Sechzehn Uhr fünf. Aber jetzt will ich mir vornehmen, darauf zu achten.
Als Lilli den Vorschlag am Morgen gemacht hat, habe ich zwar erwidert, du spinnst, als hätten wir nichts anderes zu tun, als um drei Uhr innezuhalten und zu sehen, was wir gerade tun und denken.
Sprechen wir mit jemandem? Sind wir allein? Läuten die Domglocken? Oder ist es die Straßenbahn, die wir hören?
Lilli hat gesagt, das wäre doch ein Anfang. Wir sollten uns vornehmen, auf Dinge zu achten. Dinge jeder Art, auf Zeiten zum Beispiel, auf eine bestimmte Tageszeit.
Also nehme ich mir vor, vielleicht fürs neue Jahr: einmal am Tag aufzuwachen aus meinem Arbeitsmodus.

Was machst du um 3? Die Frage hat mich nicht mehr losgelassen, und ich habe rückwärts gedacht: Was habe ich in den vergangenen Tagen um 3 gemacht?

Letzte Woche habe ich einmal um 3, genau um 15 Uhr nette Kolleg*innen begrüßt, denn da begann ein Online-Planungs-Meeting für eine Tagung.
Ein anderes Mal habe ich um 3 gewartet. Da hatte sich jemand angekündigt und kam zu spät.
Gestern habe ich gelesen, ich glaube um 3 war es ein Interview zu Glück, Glaube und Gesundheit, oder war es der interessante Artikel über Auswege aus der Ukraine-Krise? Und die Tage davor? Keine Ahnung! Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Und noch viel früher? Ich bin neugierig auf die 3 Uhr geworden und habe in der Bibel nachgeschlagen (ist halt so als Theologe, da schaut man gerne in die Bibel). In der Bibel sind Uhrzeiten nicht so wichtig. Aber an manchen Stellen gibt es sie doch. 3 Uhr, 15 Uhr ist in der Bibel die 9. Stunde (des Tages). Was machst du um 3 Uhr?

- Da gibt es welche, die warten um 3 auf dem Marktplatz, dass ihnen jemand Arbeit gibt, und sie bekommen welche und bekommen am Abend so viel Lohn wie die, die an dem Tag schon früher und die später angefangen haben zu arbeiten – ein besonderes Gleichnis Jesu. (Matthäus 20)
- Um 3 Uhr ist einer gestorben - Jesus am Kreuz. Eine der traurigsten Bibel-Geschichten, die am Ende aber zur unglaublichen Zeitenwende wird. (Matthäus 27; lest am besten weiter bis Kap. 28)
- Um 3 Uhr geht Petrus zum Beten in den Tempel – und ein Gelähmter wird geheilt. (Apg 3)
- Um 3 Uhr erscheint ein Engel einem römischen Hauptmann – und Gottes Geist wirkt an unerwarteter Stelle. (Apg 10)

3 Uhr in der Bibel - manchmal eine Zeit, in der Besonderes geschieht.

Und heute: Was machst du um 3? Ich glaube, heute werde ich mich freuen. Denn da wird der Kaffeetisch gedeckt und ein bisschen später gibt es Geburtstagskuchen.
Und morgen: Was machst du um 3? Ich lass mich überraschen und versuche, darauf zu achten.
Versucht es auch mal diese Woche, aufzuwachen aus dem Arbeitsmodus und darauf zu achten: Was machst du um 3? Es kann auch eine andere Zeit sein. Aber 3 ist eine gute Zeit, so mittendrin. Der Tag hat längst schon begonnen und hört noch lange nicht auf...

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"James Webb und die Schöpfung"    (Joachim, 24.01.22)

An Weihnachten startete das Weltraumteleskop James-Webb in den Orbit und inzwischen sind seine Sonnensegel entfaltet. Aber im Sommer dann – so wartet man gespannt – sendet es neue, noch nie gesehene Bilder von der Tiefe und Weite unseres Universums. 30 Jahre ist es her (1990), seit das erste Weltraumteleskop Hubble in den Weltraum gestartet ist. Als es nach Anlaufschwierigkeiten drei Jahre verspätet die ersten Bilder zu uns schickte, waren wir fasziniert. Es waren Bilder von Sternen und Galaxien die kein Mensch je zuvor so gesehen hatte. Ich selbst bin – natürlich nur laienhaft – sehr interessiert an astronomischen Fragen und Erkenntnissen und Unkenntnissen, die sich aus solchen Messungen und Bildern stellen und ergeben. Was uns diese (und andere) Naturwissenschaften ermöglicht haben und welche Räume des Denkens sie uns öffnen, kann man gar nicht genug schätzen. Ich jedenfalls bin gespannt auf das, was uns dank des James-Webb-Teleskops vom „Rand der Welt“ und vom Ursprung unseres Universums ab Sommer herüberleuchtet.
Und zugleich erinnert mich das Ganze, während ich darüber nachsinne, an ein – vielleicht ewiges – Religions-Lehrer-Schüler-Dilemma damals in meiner Zeit, als ich am Gymnasium RU unterrichtet habe: Die „ewige Entweder-oder-Frage“ nach der Schöpfung. „Glauben Sie, Herr Pierro, an die Bibel oder an die Wissenschaft?“ Worauf ich (in etwa so) antworte – und zunächst Erstaunen auslöse: Ich glaube nicht an die Bibel und ich glaube nicht an die Wissenschaft. … Ich glaube an Gott! Und dann versuchte ich in Klasse 5 das Thema Schöpfung zu erschließen und die Schüler dafür zu sensibilisieren, dass der Lobgesang auf die Schöpfung (der immer noch als Schöpfungsbericht tituliert wird) uns nicht die Augen vor den Erkenntnissen der Naturwissenschaft verschließt, ganz im Gegenteil. Als ich ihnen in Klasse 9 bzw. 10 wieder begegnete und das Thema Schöpfung und Welt erneut Thema war, bekam ich das ungute Gefühl, als müsse ich leider - im wahrsten Sinne des Wortes - wieder bei Adam und Eva anfangen. Und mein Eindruck (wobei ich hoffe mich zu täuschen): Auch nicht wenige Studentinnen und Studenten sind weiterhin der Ansicht, der Glaube an die „Schöpfung Gottes“ und das Wissen um die Evolution des Universums und der Erde seien kontradiktorische und unvereinbare Erkenntniseinstellungen.

Wenn nun - wie Hubble - bald auch James-Webb uns wieder neu leuchtende Bilder zuschickt, dann wird das erste bei mir nicht sein, was für neue wissenschaftliche Antworten finden wir und welche neue Fragen stellen sich uns, dem Menschen; das folgt selbstverständlich, ist aber eben sekundär – und hierbei weiß ich mich mit Albert Einsteins Einstellung verbunden: Ich werde zuallererst staunen und schauen und schauen … und mich in den Bann der Bildermacht ziehen lassen - und dann, ja dann werde ich vielleicht (innerlich) singen – singen, wie das Lied der Schöpfung, jener Hymnus, mit dem die Bibel die Ouvertüre zur ganzen Schrift schreibt, jene Melodie mit der sie anhebt und uns mitnimmt auf ihre geheimnisvolle Reise: Siehe, es ist sehr gut (sehr schön)!

Ich habe mir ein wenig Mühe gemacht und Genesis 1 einmal aufgeschrieben, wie man es für gewöhnlich nicht geschrieben findet. Und ich habe ein paar Markierungen mittels Farben und anderen Formatierungen gesetzt, um so diesen Text in seiner Schönheit leichter zugänglich zu machen. Und schon der erste Blick wird Euch zeigen, dass es sich bei Gen 1 niemals um einen „Bericht“ handeln kann und schon gleich gar nicht um einen wissenschaftlichen. Gen 1 ist Poesie – nichts anderes, ein Gedicht, ein Lied mit Strophe und Kehrvers, ist wie ein Musik-Drama mit Ouvertüre und Grande Finale. Und wer der Auffassung ist, dass Poesie uns nichts Existentielles zu sagen hat, uns keine Wahrheiten erschließt und keine Horizonte zu öffnen vermag, … tja, dem ist dann wohl auch nicht zu helfen … .

Lasst Euch von der Schönheit des Schöpfungsliedes mitnehmen zur Schönheit der Einblicke, die uns bald mit James-Webb erwarten.
In diesem Sinn wünsche ich uns – dann im Sommer, wenn die Welt insgesamt vielleicht auch wieder freundlicher ausschaut, dass wir uns von neuen Bildern in diese weite Welt faszinieren und erfreuen lassen.

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"Alles Gute!"    (Stephan, 17.01.22)

„Alles wird gut!“ Diesen Spruch höre ich zurzeit wieder häufiger. Scheint beliebt zu sein am Anfang eines neuen Jahres. „Alles wird gut“ hört sich nach Hoffnung an, zumindest nach Mut-zusprechen, klingt manchmal aber auch ein bisschen nach billiger Vertröstung.

„Alles wird gut!“ Obwohl ich ein an sich optimistischer und fröhlicher Mensch bin, mit diesem Spruch tue ich mich schwer. Wie kann ich denn jetzt schon wissen, ob am Ende (des Jahres) alles gut sein wird? Wird 2022 besser sein als 2021? Wird die Pandemie zur Endemie werden und unser Leben wieder leichter und freier? Werden wir ein gutes Stück im Klimaschutz vorankommen? Wird Angelika, die ins Schleudern gekommen ist, neu Halt im Leben finden? Wird Markus sein Studium gut abschließen können, obwohl es gerade so kompliziert ist? Vielleicht wird manches wieder gut, und ich hoffe, es wird vieles sein. Aber alles? Das Leben ist vielfältig, es hat Sonnen- und Schattenseiten. Alles kann in dieser Welt nicht gut sein.

„Alles wird gut!“ Interessant finde ich, wie dieser Spruch entstanden ist und als Ganzes lautet. Anfang der 2000-er Jahre wurde der Spruch entweder Oscar Wilde oder John Lennon zugeschrieben. Zitatforscher sind hingegen auf den portugiesischen Schriftsteller Fernando Sabino gestoßen als ersten Beleg für den Satz. Und da war er noch ein Stück länger: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, dann ist es noch nicht zu Ende.“

Coole Wendung im zweiten Satz! Nicht mehr billig, blauäugig oder rosarote-Brille-mäßig. Nicht die Hände in den Schoß legen und aufs Happy End warten. Nein, da geht noch mehr, schon lange vor dem Ende. Ich kann selbst am guten Ende mit bauen. Nicht vorschnell die Hoffnung aufgeben, sondern Augen offenhalten:
- für Freunde, die mich durch Durststrecken begleiten;
- für Menschen, bei denen es wider Erwarten gut ausging;
- für andere, die auch gute Ideen haben, wie es besser gelingen könnte.
Wenn in meinen Augen manches nicht gut wird, vielleicht schaut jemand anderes nochmals anders darauf – oder tiefer.

Einer der beliebtesten Sprüche unter Jugendlichen in meiner früheren Gemeinde war: „Der Mensch sieht was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“ (1. Samuel 16, 7)

Es gab Jahrgänge, da haben 3-4 Konfirmand*innen diesen Bibelvers als ihren Konfirmationsspruch gewählt. Ich habe es als Sehnsucht verstanden, nicht zu schnell beurteilt zu werden. Nicht „Der erste Eindruck ist der Beste“, nicht „die Liebe auf den ersten Blick“, nicht die ersten 10 Sekunden im Bewerbungsgespräch entscheiden, nicht nur die schönen Bilder auf Insta. Schau länger hin, lerne mich kennen, meine Träume, mein Leben, mein Herz!

Das braucht Zeit, da kann man nicht gleich am Anfang sagen, gefällt mir oder klicke ich weg, oder „Alles wird gut“. Ins Gute eines Menschen oder meines Lebens investiere ich mehr Zeit. Ich schaue tiefer und gehe in Gottes Sehschule, der auch nicht nur das Äußere abcheckt: Schau genauer hin und entdecke das Gute. Und wenn es nicht auf den ersten Blick zu sehen ist, überlege, ob es schon genug war.

Das macht Mut, nicht zu schnell das Handtuch zu werfen oder den Kopf in den Sand zu stecken. Zumindest ich nehme mir für dieses Jahr vor, wenn mal wieder jemand sagt „Alles wird gut“, dann werde ich antworten: „Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende.“

Alles Gute Euch für diese Woche!

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"Zum Neuen Jahr"    (Joachim, 10.01.22)

Willkommen im Neuen Jahr des Herrn 2022 und am Ende der Weihnachtsfestzeit. Weihnachten selbst ist ja nie vorbei, denn es will in unseren Lebensalltag hineinsprechen.

Bei uns (in der kath. Kirche) wird das Johannesweihnachtsevangelium, der sogenannte Prolog (Im Anfang war das Wort …) am Weihnachtstag und am Sonntag nach Neujahr verkündet. Weihnachten und das neue Kalenderjahr werden so miteinander verwoben. Und also möchte ich Euch die Weihnachtsbotschaft als Grußwort für das Neue Jahr in unserem ersten Rundbrief zusenden: Ein Weihnachtswort für das ganze Leben mit dem der Theologe Karl Rahner in einer für ihn typischen Weise das Geheimnis von Weihnachten ausgelotet hat. Und dann, danach mit seinen Worten im Ohr werft noch einmal einen Blick auf den Johannesprolog selbst. Vielleicht habt Ihr ein bisschen Zeit, dann lest beides langsam, bewusst und eventuell auch laut – für Euch; So lest, sprecht und hört Ihr zugleich, auf dass Ihr es ganz in Euch aufnehmt!

Wenn wir sagen:
Es ist Weihnacht,
dann sagen wir:

Gott
hat sein letztes,
sein tiefstes,
sein schönstes
Wort
im fleischgewordenen Wort
in die Welt hineingesagt,
ein Wort,
das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann,
weil es Gottes endgültige Tat,
weil es Gott selbst
in der Welt ist.
Und dieses Wort heißt:
Ich liebe dich,
du Welt und du Mensch.
Ich bin da,
ich bin bei dir.
Ich bin deine Zeit.
Ich weine deine Tränen.
Ich bin deine Freude.
Ich bin in deiner Angst,
denn ich habe sie mitgelitten.
Ich bin in deiner Not.
Ich bin in deinem Tod,
denn heute begann ich mit dir zu sterben,
da ich geboren wurde,
und ich habe mir von diesem Tod
wahrhaftig nichts schenken lassen.
Ich bin da.
Ich gehe nicht mehr von dieser Welt weg,
wenn ihr mich jetzt auch nicht seht.
Und meine Liebe ist seitdem
unbesieglich.
Ich bin da.
Es ist Weihnachten.
Zündet die Kerzen an.
Sie haben mehr recht
als alle Finsternis.
Es ist Weihnacht,
die bleibt in Ewigkeit.*
Karl Rahner

„Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch!“ Davon singt der Johannesprolog an Weihnachten und zum Beginn des neuen Jahres:

Im Anfang war das Wort.
Und das Wort war bei Gott.
Und Gott war das Wort.
Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne es ist geworden nicht eines.
Was geworden,
war Leben in ihm.
Und das Leben war das Licht der Menschen
Und das Licht scheint in der Finsternis
Und die Finsternis ergriff es nicht.
[…]
Und das Wort ist Fleisch geworden
zeltend unter uns.
Und wir schauten seine Herrlichkeit
Herrlichkeit als des Einzigen vom Vater her,
voll Gnade und Wahrheit
[…]

Und jetzt! Jetzt fügt in diesen Johannesprolog (Joh 1 – Ihr könnt in der Bibel natürlich auch den ganzen Prolog nehmen) an der Stelle, an der „das Wort“ steht, ein, wie es von Karl Rahner ausgefaltet ist: „Ich liebe dich, du Welt und du Mensch“ und lest und hört, wie es zu Euch spricht – vielleicht Euch ins Herz spricht.
Im Anfang war Ich liebe dich, du Welt und du Mensch. Und Ich liebe dich, du Welt und du Mensch war bei Gott. Und Gott war Ich liebe dich

Und so wünschen wir Euch ein gesegnetes A.D. 2022!

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"Weihnachten angezählt"   (Stephan, 20.12.21)

Es ist nicht mehr lange bis Weihnachten – denn es ist schon 4. Advent:

* Weihnachten wird angezählt - alle Jahre wieder: Nicht wie beim Boxen von 1 bis 10, sondern von 1 bis 4 mit den Adventskerzen oder von 1 bis 24 beim Adventskalender. Und es endet nicht mit k.o., sondern geht dann erst richtig los mit Zahlen: Ein Heiligabend, 2 Weihnachtstage, 3 Tage feiern. 4, 6, 8… Gäste, 16, 18, 22... Uhr Beginn der Heiligabendgottesdienste.
* Weihnachten war angezählt - auch beim 1. Mal: Es begann mit der Volkszählung des Kaisers Augustus; nicht aus Freude an Zahlen, sondern es ging um Macht und Geld: Wie viele Männer sind ihm wehrfähigen Alter, wie viele müssen Steuern zahlen? Das zählte für den Kaiser. Doch die biblische Weihnachtsgeschichte hat noch andere Zahlen zu bieten: 1 - die Krippe, 2 - Ochs und Esel, 3 - Geschenke der Weisen, und Tausende (oder Millionen?) Engel. Und auch die Gegenzahl, die Nichtzahl kommt vor: Null! Kein Platz, Null Raum in einer Herberge. So muss das Jesuskind in eine Krippe gelegt werden.
* Weihnachten ist angezählt – dieses Jahr besonders: Zum 2. Mal kommen dieses Jahr noch andere Zahlen ins Spiel: Inzidenzzahlen, Impfzahlen, die Zahl sinnvoller Kontakte beim Feiern. Diese Zahlen können einem die Weihnachtsvorfreude richtig verhageln! Dann lieber Umfrage-Zahlen: 63% der Deutschen freuen sich, mit Familie und Freunden zusammen zu sein, 48% lieben es, Geschenke zu machen und 28% freuen sich auf Weihnachtsfilme.
* Weihnachten - was zählt? So viele Zahlen, dass einem fast schwindelig werden könnte.

Weihnachten war und ist auch ein Zahlenspiel. Aber in der Heiligen Nacht wird alles auf den Kopf gestellt. Was zählt an Weihnachten? Zahlen sind es nicht. Weihnachten, das ist ein Kind. Gott kommt auf die Welt. Nicht berechenbar, zählbar, sondern überraschend, unkalkulierbar, lebendig. Das ist das Krippenwunder von Weihnachten. Windeln und Krippe – ganz Mensch und ganz im Leben; was am ersten Weihnachten für Jesus galt, erleben wir bis heute, wenn ein Kind geboren wird. Nach der Geburt als Mama das Baby auf die Brust gelegt zu bekommen oder es als Papa im Arm zu halten, das ist Leben pur. Sogar die Zahlen treten für diesen Moment in den Hintergrund: Die Messwerte der Vorsorgeuntersuchungen, die Sekunden zwischen den Wehen, die Herzfrequenz des Kindes, Uhrzeit, Gewicht, Größe bei der Geburt. Das Einzige, das zählt: Das Kind kam gesund zur Welt und nun schlummert es – ein Moment des Friedens und des Glücks. Eltern vergessen ihn ein Leben lang nicht.

Auch in der Weihnachtsgeschichte treten die Zahlen zurück und machen Platz für den Frieden. Jesu Geburt wurde nicht angezählt, sondern besungen - von den Engeln: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Das ist es, was wirklich zählt an Weihnachten und in unserem Leben: der Frieden in unseren Häusern und Herzen, der Frieden auf Erden und für die Erde.

Das wünsche ich Euch allen, dass ihr darauf zählen könnt, an Weihnachten und im Neuen Jahr: Wir lauschen dem Geburtstagslied der Engel, träumen weiter vom Frieden und halten den Zahlen unsere Liebe entgegen. Euch allen noch schöne Adventstage, frohe Weihnachten und dann ein gutes, glückliches, gesundes und gesegnetes Neues Jahr 2022.

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"Ein anderer Advent - aber das eine Weihnachten"    (Joachim, 13.12.21)

Corona verändert Manches, verhindert Vieles; in diesem Advent sichtbar vielleicht am deutlichsten an den geschlossenen und inzwischen wieder abgebauten Weihnachtsmärkten. Und trotzdem, so scheint es mir jedenfalls, ist die Sehnsucht nach Weihnachten ungebrochen und bricht dieses Jahr vielleicht sogar noch stärker auf als gewöhnlich. Wo bisher sicher und verlässlich Geglaubtes einfach nicht mehr selbstverständlich ist, wo ein Virus Ängste weckt und wir alle deshalb im Umgang miteinander so vorsichtig sind und sein müssen, und wo Ihr als Studentinnen und Studenten nun schon seit vier Semestern kein normales Studium und Studentenleben führen könnt, eine Zeit also, ein Advent, in dem Vieles sich nicht mehr richtig anfühlt, werden gute Gewohnheiten und Traditionen wohl umso bedeutsamer. Weihnachten zu Hause bei der Familie – ein auch bei aller Moderne nie „auszurottender“ Wunsch – gehört wohl zu dem, was in diesen Tagen bei Vielen ganz oben steht. Das schon ist ein Wert an sich, ja selbstverständlich. Nur frage ich mich, ist das schon Weihnachten? Sind die Menschen damit zufrieden zu Hause zu sein mit geschmückten Wohnungen, Tannengrün, Christbaum, Kerzen, zufrieden mit all den Engelchen, rot-weißen Weihnachtsmännern (womöglich auch noch mit Schnapsnasen) Sternenglitzern in Schaufenstern, Kaufhäusern und im Internet, mit all dem manchmal schon fast schal klingendem Weihnachtsgedudel? Zufrieden mit allen möglichen Weihnachts-Events und Weihnachtspartys? Ja und es darf auch gerne Schnee an Weihnachten sein – würde auch mich sehr freuen, gerade in unserer schneearmen Gegend.

Und dennoch in unseren Bibeltexten, die im Advent in den Gottesdiensten im Mittelpunkt stehen, ist von solch vorweihnachtlicher Umtriebigkeit und Sentimentalität keinerlei Rede. Ja sie stehen geradezu diametral all diesem entgegen. Denn da, in den Schrifttexten, tritt einer auf, der Johannes heißt; und der redet den Leuten erst einmal so was von ins Gewissen, dass es sich gewaschen hat und dass man sich schon fast fragen kann, was daran denn adventlich sein soll. Doch dieser Johannes, der offensichtlich trotz seiner heftig zusetzenden Worte1 sehr beliebt war und den die Menschen gerade wegen seiner Radikalität und Integrität schätzen (er wurde dafür schlussendlich von König Herodes einen Kopf kürzer gemacht), dieser zeigt dorthin, wo wirklich Weihnachten sich ereignet; er zeigt auf einen, in dem er erkennt, dass das Geheimnis von dem er, Johannes, selbst so ergriffen ist, dass dieses Geheimnis in diesem ganz und gar da ist: in Jesus Christus. Allein um ihn geht es an Weihnachten, weil es Gott in ihm und mit ihm allein darum geht, in dieser Welt und bei uns Menschen zu sein, unter ihnen wie ein Mensch geboren zu werden: Weihnachten eben.

In einem Buch über Spiritualität2 findet sich eine kleine Begebenheit, eine echte Weihnachts-geschichte. Es war in einer Christmette für Kinder an Heilig Abend. Der Priester versuchte die Botschaft des Glaubens und das weltliche Brauchtum miteinander zu verbinden. Es waren sehr viele Kinder da und sie versammelten sich um den Altar. Der Prediger stand mitten unter ihnen. Statt nun etwas zu sagen, zeigte er einfach nach hinten an den Eingang der Kirche. Die Kinder wandten sich um, und durch den Mittelgang schritt der Weihnachtsmann. Die normalerweise ruhige Kirche wurde mucksmäuschenstill. Der Weihnachtsmann ging an den Kindern vorbei und zur Krippe hinüber. Er nahm seine Mütze ab. Dann kniete er nieder, sprach sein Gebet und ging wieder hinaus. Da brauchte man nicht mehr zu sagen, wessen Geburtstag gefeiert wird.

Jeder in der Kirche wusste so, was die Mitte von Weihnachten ist. Der spirituelle Lehrer, schreibt zu dieser Begebenheit in seinem Buch: Wir können dem Weihnachtsmann keinen Vorwurf daraus machen, dass er nicht Christus ist, aber wir können dafür sorgen, dass er an der Krippe verweilt und betet.

Der Advent will uns – so wie Johannes – auf diese Mitte hinleiten, auf die Mitte von Weihnachten. Wenn wir diese Mitte zur Geltung kommen lassen, dann kann drum herum viel Aufhebens um „Weihnachtliches“ sein, und sei es der größte Kitsch und das sentimentalste Weihnachtsgedudel – jedenfalls so lange, wie sie uns nicht den Blick auf die Mitte verstellen, oder aber dass sie sogar – wie der besagte Weihnachtsmann – eigens auf sie hinweisen.

1 Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorn entfliehen könnt (Lk 3,7)

2 John Shea, Staunen und Licht. Weihnachtliche Spiritualität. Freiburg 1993, S. 42
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"Nikolaus und der verräterische Schuh"    (Stephan, 06.12.21)

„Wo hast Du denn Deinen Schlitten geparkt? Es hat heute doch noch keinen Schnee!“ „Wie schaffst Du es, allen Kindern auf der Welt an einem Tag die Geschenke zu bringen?“ „Bist Du nicht der Nikolaus? Ich habe dich wiedererkannt, Du hast die gleichen Schuhe an wie der Nikolaus, der heute Morgen bei uns im Kindergarten war!“ Das waren nur ein paar der Kinderfragen am Nikolaustag – und die letzte war besonders knifflig. Viele Jahre war ich als evangelischer Pfarrer im städtischen Kindergarten neben meiner Kirche am 6. Dezember der Nikolaus – außer in den Gruppen meiner Kinder.

Prächtig gekleidet – nicht mit einem roten Kapuzenmantel, sondern mit einem stilechten Bischofsgewand, das ich mir von unserer katholischen Schwestergemeinde ausgeliehen habe. Im Zimmer der Erzieherinnen heimlich umgezogen, weißen Rauschebart ins Gesicht gehängt -sonst hätten mich alle sofort als ihren Pfarrer erkannt - und dann in die Zimmer der Gruppen. Dort saßen die Kinder erwartungsvoll, fröhlich, manche auch etwas ängstlich. Doch das Eis war immer schnell gebrochen. Gemeinsam haben wir Nikolauslieder gesungen, die Kinder haben von ihren gefüllten Schuhen, Tellern oder Socken zuhause erzählt. Und natürlich warteten alle auch auf ihr Kindergarten-Nikolausgeschenk, das mir die Erzieherinnen in kleinen Päckchen im Bollerwagen vorbereitet hatten. Doch das Beste kam eigentlich nach dem Geschenkeverteilen. Da haben wir uns über den Nikolaus unterhalten, nicht über mich, den verkleideten, sondern den, der vor langer Zeit in Myra gelebt und gewirkt hat, der von dem schöne Legenden erzählen:

Vom armen Mann, dem der Nikolaus in drei Nächten Geldsäckchen durchs Fenster (oder war es der Kamin?) warf, damit er die Aussteuer für die Hochzeit seiner drei Töchter bezahlen konnte.
Von der Hungersnot, als der Nikolaus einen Kapitän um Korn bat, um seine Stadt vor dem Verhungern zu retten. Und obwohl der Seemann Säcke voll Korn spendete, fehlte ihm, als er dann im Zielhafen anlegte, kein Gramm für den Kaiser, für den das Getreide bestimmt war.
Von dem in Seenot geratenen Schiff, das Nikolaus sicher in den Hafen von Myra leitete, und die Seeleute erst am nächsten Tag in der Kirche erkannten, wer sie gerettet hatte.

Wir erzählten uns die alten Geschichten und erzählten uns neue Geschichten von Barmherzigkeit und kleinen Wundern, im Kindergarten oder in unserem Stadtviertel. Und wir überlegten, wo wir Nikolaus für andere sein könnten. Und so verschwand der tiefe Graben der Geschichte und ich erlebte mit den Kindern, was ich im Geschichts-Leistungskurs und im Theologie-Studium diskutiert hatte: Wissenschaft ist nicht nur Faktenwissen und Erkenntnis hat nicht nur mit Inhalten zu tun, sondern ist auch die Suche nach subjektiver Wahrheitsgewissheit. In diesem Sinne wurde der „alte“ Nikolaus in uns lebendig und hat etwas im Heute verändert, das habe ich mit den Kindern immer wieder erlebt.

Nur dem einen Jungen war es nicht genug und er hatte mich mit seinem Spürsinn an den Schuhen erkannt. Meine spontane Antwort damals war: „Wahrscheinlich haben der Nikolaus und ich im gleichen Schuhladen eingekauft.“ Große Augen und ein noch größeres Fragezeichen im Gesicht des Jungen. Als er aber um die Ecke bog, meinte ich ein breites Grinsen auf seinen Lippen gesehen zu haben, im Sinne von „Wenn der wüsste, was ich schon weiß…“

Euch allen einen wunderbaren Nikolaustag heute und lasst Euch überraschen, was Euch diese Woche an Erkenntnissen bereithält und an subjektiver Wahrheitsgewissheit schenkt.

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"Sehnsucht - Warten - Advent"    (Joachim, 29.11.21)

Wieder einmal wähle ich Meister Eckhart als Bezug und Ausgang für meinen Adventsgedanken. Dieser herausragende Lehrer der Theologie und des Glaubens hat ein ziemlich steiles Wort (übrigens gibt es derer viele von ihm) über das Verhältnis von Gott und Mensch formuliert. Niemals, so Meister Eckhart, hat ein Mensch nach irgendetwas so sehr begehrt, wie Gott danach begehrt beim Menschen zu sein.

Man könnte es auch als abenteuerlich bezeichnen oder als „ver-rückt“, was Meister Eckhart da lehrt: Gott begehrt! Und das mehr als jeder Mensch! (Allerdings liest man Jes 62,1ff, ist dieser Gedanke gar nicht mal mehr so ganz neu.) Was aber will eine solche Sehnsucht Gottes nach uns Menschen? Nun, wir können ja nicht anders, als sie uns menschlich vorzustellen. Und dazu möchte ich Euch eine Episode, eine Geschichte aus dem philosophischen Roman „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder erzählen. (Ein wunderbares Buch!) Eine kurze Begegnung handelt von Schönheit, von der Sehnsucht, vom Warten und von Weihnachten:

Er verliebt sich in sie; „Orangenmädchen“ nennt er sie in Ermangelung ihres richtigen Namens und weil die erste Begegnung ohne Orangen nicht zustande gekommen wäre. Ein paar Mal hat er sie gesehen, doch nun kommt es zu einem wirklichen Wiedersehen an Heilig Abend. Es schneit und es ist kalt, sie unterhalten sich; und dann verabschiedet sie sich und nimmt das Taxi, das eben vorbeikommt, denn sie wird erwartet. Das Taxi will gerade losfahren, als er ihr noch nachruft: Ich glaube, ich liebe dich! Sie steigt noch einmal aus.

Er erzählt: Ich bleibe stehen und trete vor sie. Vorsichtig streichele ich ihre feuchten Haare und lasse die Hand auf der Silberspange in ihrem Nacken ruhen. Die ist eiskalt, aber sie lässt mich doch im ganzen Leib warm werden. Dass ich sie wirklich berühren kann!

Dann fragt er sie: „Wann können wir uns wieder sehen? Zunächst starrt sie auf den Boden und blickt dann zu ihm hoch und fragt ihn zu seinem Erstaunen: „Wie lange kannst du warten?“

Verblüfft überlegt er, was er antworten soll:  Hätte ich „zwei oder drei Tage“ gesagt, hätte ich mich als zu ungeduldig erwiesen. Und hätte ich gesagt „mein ganzes Leben“, hätte sie gedacht, dass ich sie nicht wirklich liebte oder vielleicht nicht ehrlich sei.

Schließlich fasst er sich ein Herz: „Ich kann warten, bis mir vor Kummer das Herz blutet.“

Sie lächelte und fuhr ihm mit dem Finger über die Lippen: „Und wie lange ist das?“ Etwas verzweifelt antwortete er „Vielleicht fünf Minuten“. Daraufhin flüsterte sie ihm zu: „Es wäre schön, wenn du ein wenig länger durchhalten könntest ...“

Jetzt fragte er: „Wie lange?“ „Du musst es schaffen, ein halbes Jahr zu warten“, antwortete das Orangenmädchen. „Wenn du so lange warten kannst, können wir uns wieder sehen.“ „Warum so lange?“, seufzte er. Und sie sagte zu ihm bestimmt: „Weil das genau so lange ist, wie du warten musst“.

Sie sah, wie die Enttäuschung mir zu schaffen machte. Vielleicht fügte sie deshalb hinzu: „Aber wenn du das schaffst, können wir uns im folgenden halben Jahr jeden Tag sehen.“ Jetzt läuteten die Kirchenglocken, und erst in diesem Moment nahm ich meine Hand von den feuchten Haaren und der Silberspange.

In dieser Begegnung ist alles da, was Sehnsucht ausmacht: warm werden innen drinnen, berühren, warten, das Herz, das blutet, Ungeduld, Kummer, Verzweiflung, Durchhalten und die Verheißung: wenn du das schaffst, können wir uns wieder sehen!

Mag Gottes Sehnsucht nochmals ganz anders sein als das, was wir so menschlich empfinden und uns vorstellen können, doch das, was unsere Sehnsucht und unser Begehren ausmacht, muss – wenn Meister Eckhart und Jesaia recht haben – das alles muss auch in Gottes Sehnsucht gegenwärtig sein: Es wird ihm innerlich warm, wenn er uns berührt. Er wartet, er wartet auf das Wiedersehen, bis ihm das Herz blutet. Er mag an uns verzweifeln – er hält doch an uns und zu uns in der Zuversicht, dass wir durchhalten, dass wir uns wiedersehen, dass wir zueinander finden. Und seit Weihnachten träumt er wohl von nichts anderem mehr. Und deshalb läuten die Glocken!

 Niemals hat ein Mensch nach irgendetwas so sehr begehrt, wie Gott danach begehrt, beim Menschen zu sein. Verrückt – Oder?

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"Betet für uns!"    (Stephan, 15.11.21)

„Betet für uns!“ Immer wieder stolpere ich über diesen Satz.

„Betet für uns!“- höre ich von Menschen der Pazifikinselstaaten, denen das Wasser bis zum Hals steht.
„Betet für uns!“ - lese ich von Frauen in Afghanistan, die seit der Rückkehr der Taliban um ihr Leben fürchten.
„Betet für uns!“ - bitten Flüchtlinge an der polnisch-belarusischen Grenze, wo sie zum Spielball der Politik geworden sind.

„Betet für uns!“ - ich stolpere über diesen Satz, nicht weil ich dem Gebet nichts zutrauen würde. Wenn jemand in Not ist, um seine Gesundheit fürchtet, unter Druck steht oder sich um die Zukunft sorgt, dann kann Beten eine starke Kraft entwickeln und neuen Lebensmut wecken. Ich kann ins Gespräch kommen mit Gott, mit mir, mit anderen, innerlich und äußerlich. Und doch stolpern meine Gedanken, mein Mut, ja mein Glaube. Denn was kann ein Gebet schon verändern angesichts der Probleme, Pandemie und Katastrophen in aller Welt?!

Um eine der großen Katastrophen abzuwenden, dazu haben sich in den vergangenen 2 Wochen Delegierte und Aktivist*innen in Glasgow zur UN-Klimakonferenz getroffen, haben beraten und um Maßnahmen und Zielsetzungen gerungen – und es wurde gebetet! Papst Franziskus hat den Klimagipfel in sein Angelusgebet eingeschlossen: „Beten wir, dass der Schrei der Erde und der Schrei der Armen gehört werden und dass dieses Treffen wirksame Antworten gibt, die den künftigen Generationen konkrete Hoffnung geben“. Die britische Hilfsorganisation Christian Aid hat sogar eine weltweite Gebetskette für die Schöpfung ins Leben gerufen. Hundertausende verschiedener Generationen und Religionen haben sich angeschlossen, auch der Lutherische Weltbund mit seinen 148 Mitgliedskirchen.

Gebete rund um die Welt und für die Welt! Und hat es etwas gebracht? Haben die Gebete dazu geführt, dass Kohlekraftwerke abgeschaltet, Wälder aufgeforstet, Moore wiedervernässt oder mehr Windräder gebaut werden? Wahrscheinlich nicht. Oder haben die Gebete dazu geführt, dass Delegierte bei der Klimakonferenz ihren Herzen doch einen Ruck gaben und ein Stück mehr für den Klimaschutz entschieden haben? Beim Blick auf die Abschlusserklärung, naja! Der „Effekt“ des Gebets ist auch theologisch nicht so einfach zu beantworten.

Neu ins Nachdenken hat mich während meines Studiums mein Auslandssemester in Guatemala gebracht. Wir haben in der Zeit viele Menschen getroffen, mit ihnen gelebt, gearbeitet und uns ausgetauscht. Es war eine spannende, bereichernde Zeit. Und auch dort immer wieder mein kleiner Stolpersatz: „Betet für uns!“ Den Menschen, mit denen wir zusammen waren, war es wichtig, dass der Faden nicht abreißt, sondern im Gebet geknüpft bleibt:

Vergesst uns nicht, auch wenn ihr tausende Kilometer entfernt wieder in Deutschland seid.
Bleibt mit uns verbunden, in unserer Hoffnung und unserem Einsatz für eine bessere Welt.
Spürt mit uns die himmlische Kraft, die auch auf der Erde wirksam werden kann.

Gebete senken keine Temperaturkurve (da müssen wir schon alle schnell aktiv werden). Aber Gebete schaffen eine Energiewende. Im Beten wächst eine Energie in mir, gegen alle Hoffnungslosigkeit, die mich manchmal überkommt. Im Beten spüre ich, dass ich nicht allein bin: Viele andere beten und handeln mit. Und da ist ja noch einer, der unser Beten und Leben trägt und voranbringt. „Oft ist der Lauf der Geschichte verändert worden, weil Menschen über die ganze Erde verteilt, wider alle Hoffnung die Hoffnung nicht aufgaben.“, so hat Frère Roger, der Gründer von Taizé, es einmal gesagt.

„Betet für uns!“ Ich stolpere immer noch. Aber ich will es nicht aufgeben, auch nicht nach der Klimakonferenz, um die Energiewende zu bitten und sie wirken zu lassen, in mir und der Welt.

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"Das Leben ist schön! 3 - ...und gerecht!"    (Joachim, 08.11.21)

Mal ehrlich: Das Leben ist schön! … und gerecht!? Da kann ja wohl was nicht ganz stimmen. Kein Tag an dem nicht irgendeine Ungerechtigkeit aufgedeckt, angeprangert, diskutiert und Gerechtigkeit beschworen, lautstark propagiert, eingefordert oder um sie gekämpft und für sie demonstriert werden muss. Unser Leben, unsere Gesellschaft, unser Land, unser Miteinander scheint vieles zu sein nur eines nicht: gerecht.

Ich hätte mich ja auch nicht getraut, dies von mir aus so zu schreiben. Ich bin selbst, als ich es zum ersten Mal las, stutzig geworden – und doch genau so hat sie es in ihr Tagebuch geschrieben: „… wie schön und lebenswert und gerecht, ja gerecht, das Leben im Grunde ist.“ Sie, eine Studentin, die Diskriminierung ganz real und von Tag zu Tag heftiger erleben muss. Sie, die junge Frau, die sich darüber im Klaren ist, dass man sie bald genauso wie alle anderen umbringen wird. Sie, die Jüdin, von der ich ziemlich genau vor einem Jahr, am Jahrestag ihrer Ermordung (30.11.1943) schon einmal geschrieben habe. Also sie, die die Ungerechtigkeit in ihrer grausamsten Form sieht und selbst miterleben muss und sie ganz real am eigenen Leib erfährt, sie schreibt und sagt: Das Leben ist schön und gerecht!

Ja mehr noch, als der Tod in ihre Liebe greift, sagt sie: Ich möchte meine Hände falten und sagen: Kinder, ich bin ja so glücklich und dankbar, und ich finde das Leben so schön und sinnvoll. Jawohl, schön und sinnvoll, während ich hier am Bett meines toten Freundes stehe, der viel zu jung gestorben ist, und obwohl ich jeden Augenblick in eine unbekannte Gegend deportiert werden kann. Mein Gott, ich bin dir so dankbar für alles.1

Ich habe mir die Frage gestellt, wie eine Studentin, Mitte zwanzig, zu solch einer Bejahung des Lebens kommt, zu einer solchen Wahrnehmung seiner Schönheit und Gerechtigkeit mitten in allerfinsterster Zeit? Für meine Antwort muss ich etwas ausholen. Derzeit erfährt der mittelalterliche Theologe und Mystiker Meister Eckhart eine große Renaissance. (Ich habe von ihm in Teil 1 bereits ein Wort zitiert. Er ist wohl zeitlos modern und anschlussfähig auch an die Themen von uns Menschen im 21. Jahrhundert.) Meister Eckhart sagt nun über die Gerechtigkeit Gottes und wie diese „zur Welt kommt“ …, dass jede und jeder zur Verkörperung Gottes in der Welt werden kann. (Wie Jesus Christus!) Dass jeder also diese Gottesgegenwart in sich zum Zug kommen lassen kann, egal wie die äußeren Bedingungen sind – eigentlich jederzeit – und dass sich dadurch auch etwas verändert in der äußeren Welt durch solche Menschen. Das Beispiel, das Meister Eckhart immer wieder anführt, ist der gerechte Mensch. Der gerechte Mensch ist der, der Gott ganz in sich zur Wirkung kommen lässt und deswegen auch in jeder Situation – ohne groß nachzudenken, weil er ganz von dieser Gerechtigkeit erfüllt ist – auch gerecht handelt.2

Etty Hillesum war eine Gerechte! Und weil Gottes Gerechtigkeit so auch in ihr „zur Welt kam“, war sie in der Lage mit den Augen einer Gerechten auf die Welt und das Leben, ja auf die schlimmste Zeit des 20. Jh. zu schauen und mittendrin Gerechtigkeit zu wirken.

Gerechtigkeit ist eines der ganz großen Wörter, mit denen wir Wirklichkeit erfassen und aussagen, wie sie sein soll, genauso wie die Begriffe Freiheit und Sinn. Doch sie erleidet derzeit auch deren Schicksal, nämlich ihren geradezu inflationären Gebrauch. Und das Wesen der Inflation ist die Entwertung. Wenn wir also bei allem und jedem, was nicht passt oder zu passen scheint, Ungerechtigkeit wittern und ausrufen, dann verliert Gerechtigkeit selber an Gewicht. Eine sprachliche Abrüstung täte ganz gewiss gut und würde uns dabei helfen, Wirklichkeiten besser zu verstehen. Manches und mancher wird ungleich behandelt, manchem wird zu wenig Beachtung geschenkt, manche Gruppe bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die ihr zusteht, Respektlosigkeit und Rücksichtslosigkeit (vielleicht zwei der großen Übel unserer Zeit) kränken oft tiefgehend, und manches ist unvernünftig oder einfach dumm3. Wir haben viele Begriffe und Möglichkeiten Dinge beim Namen zu nennen, ohne gleich den allergrößten Vorwurf „Ungerechtigkeit“ zu erheben – womöglich mit einem moralischen Überlegenheitsanspruch.

Jesus jedenfalls dachte groß, sehr groß von der Gerechtigkeit. In der Bergpredigt sagt er uns: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer (und die waren keinesfalls einfach „ungerecht“!) nicht weit übersteigt – so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen. Mt 5,20

Von dieser „größeren Gerechtigkeit“ war Etty Hillesum beseelt, sie war von ihr erfüllt, und deshalb konnte sie eine Gerechte sein und mit den Augen einer Gerechten die Wirklichkeit anders realisieren: Wie soll ich das alles irgendwann … so beschreiben, dass andere Menschen nachfühlen können, wie schön und lebenswert und gerecht, ja gerecht, das Leben im Grunde ist. Vielleicht gibt Gott mir einst dafür die einfachen Worte?

Ich wünsche uns ein wenig von dieser Zuversicht und dass Gottes Gerechtigkeit – zumindest immer wieder mal – auch durch uns in unsere Welt kommen und wirken kann!

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"Neugierig auf die Neugier"    (Stephan, 25.10.21)

* Asterix, das neue Heft kam letzte Woche heraus. Ich lese Asterix seit meiner Kindheit leidenschaftlich gern. Also los! Doch es war zu spät, der Kiosk war schon zu. Mich hat die Neugier fast zerrissen, bis ich am nächsten Morgen endlich das neue Asterix-Album kaufen konnte!
* Höllenlöcher, das war eins der Ziele der Outdoor-Tour unserer Hochschulgemeinde am Samstag auf der Schwäbischen Alb. War ich neugierig, was das wohl sein würde! Sie waren nicht so dunkel, wie gedacht, aber trotzdem „höllisch schön“ - wenn man das als Hochschulpfarrer sagen darf.
* English Mass, die besuchte ich gestern Abend in Hohenheim, wo ein Kollege aus seinem Studierendenpfarramt verabschiedet wurde. English Mass mit Studierenden, das weckte meine Neugier. Es war alles auf Englisch, ein bisschen formal, viel Weihrauch und ein netter Chor.

3-mal Neugier in den letzten Tagen. Ich liebe die Neugier, und ich bin ein neugieriger Mensch – aber ich tratsche nicht über den Gartenzaun oder poste auf Instagram „Wusstest Du schon…?!“ Nein, diese Neugier ist es nicht. Ich bin viel mehr neugierig auf das Wunderbare, das das Leben bereithält. Ich bin offen für das Mögliche, das wir für unmöglich hielten. Denn:

Neugier ist zappelig, weckt auf und holt vom Sofa herunter.
Neugier kribbelt auf der Haut, juckt in den Fingern und kratzt am Kopf.
Neugier ist manchmal auch anstrengend, denn sie will immer Neues erkennen und entdecken.

Aber nur so bleibt das Leben nicht stehen, sondern geht auf Reisen, im Kopf und in Wirklichkeit. Und ich packe meinen Rucksack und reise mit, um die nächste Wegbiegung herum, ins neue Semester hinein, auf einen Menschen zu, den ich noch nicht kenne, auf eine Herausforderung zu, vor der ich ein wenig Bammel habe. Wenn es schwierig wird, teilt Eure Neugier mit anderen und springt gemeinsam hinaus ins Leben. Neben Bauchplatschern oder Bruchlandungen werdet ihr erleben, wie viele Höhenflüge und Freudensprünge ihr machen könnt. Denn einer springt auf jeden Fall mit, so hat es mal einer vor langer Zeit erlebt und gebetet:

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30)

Früher habe ich die Erstklässler*innen beim Einschulungsgottesdienst vor dem Segen mit dem Trampolin in die Schulzeit springen lassen. Da haben wir mit dem kleinen Hilfsmittel miteinander diese Kraft Gottes erlebt, die mit unserer Neugier ins pure Leben springt. (Könnten wir ja überlegen, ob so ein Trampolinsprung nicht auch etwas für Erstsemester wäre…). Es gibt aber auch noch andere Alltagsübungen, um der Neugier auf die Sprünge zu helfen. Hier eine kleine Auswahl:

Sonnenblumen säen und wachsen sehen.
Gelb und Blau, Blau und Rot, Weiß und Lila mischen und schauen, was herauskommt.
An nicht vorgesehenen Stellen lächeln, und erleben, was das auslöst.
Sich selbst eine zweite Chance geben (und wenn´s sein muss, auch eine dritte!).
Zum Abendmahl gehen und Gott in Brot verwandeln.
Oder fragen: Wenn Gott sich dir zeigen wollte, woran würdest du ihn erkennen?
Oder: Wenn dir von offizieller Stelle bestätigt würde, du bist brillant, was würde das ändern?

Wenn ihr nun neugierig auf die Neugier geworden seid, es gibt noch mehr davon! Herzliche Einladung zu unserem „neugierigen“ Semesterstart-Gottesdienst am morgigen Dienstag, 26.10. um 18 Uhr bei uns in der ESG-KHG, oder danach als YouTube-Video zum Nachfeiern. In diesem Gottesdienst gibt es mehr rund ums Neugierig-Sein und wie es das Leben auf den Kopf stellen kann.
Euch allen wünsche ich für diese Woche wenig Kopfstände, aber viel gute Neugier.

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"Das Leben ist schön! 2 - Paradies Deutschland?!"    (Joachim, 18.10.21)

Am Flughafen Stuttgart haben wir ihn freudig begrüßt, den Priester aus unserer Partnergemeinde in Ghana. Wir nahmen und trugen selbstverständlich seine Koffer – einer dabei ziemlich schwer – und bereiteten ihm in der Kirchengemeinde einen herzlichen Empfang.

Ignatius stammte aus ärmlichen Verhältnissen; als er noch Kind war, erkannte sein Pfarrer seine Begabung, und so bekam er die Förderung, die brauchte. Schließlich studierte er in Ghana und wurde selbst Priester. Dank der Gemeindepartnerschaft flog er nun zum allerersten Mal überhaupt über die Grenzen seiner Heimat. Ignatius ist ein humorvoller, lebhafter „Afrikaner“, und nach kurzer Zeit waren wir miteinander sehr vertraut – und also traute er uns das Geheimnis seines schweren Koffers an: Wasser! Der Koffer war tatsächlich neben anderem mit mehreren Flaschen Wasser gefüllt! Wie, was, wieso Wasser? Ja, das hat er für sich zum Trinken nach Deutschland mitgenommen; er hatte gehört, dass es in Deutschland überall nur Bier zu trinken gäbe. Deutschland ein Paradies, in dem nicht Milch und Honig fließen, sondern Bier im Überfluss!?

Sehr viele jener Menschen, die (aktuell oder in den letzten Jahren) auf der Flucht vor Verfolgung oder anderen Gründen ihre Heimat verlassen, möchten dezidiert nach Deutschland kommen. Natürlich auch in andere Länder Europas, doch es fällt auf, wie oft gerade unser Land als Hoffnungsziel genannt wird. Und das Bild, das z.B. ein junger syrischer Flüchtling zuvor von Deutschland hatte, war das von Berlin. Alles, was er über Deutschland erfuhr, trug immer die Züge einer monumentalen, modernden Metropole. Erst als er hier war, sah er, dass es auch bei uns Landwirtschaft gibt.

Ist das Bild vom Paradies Deutschland also nur ein Trugbild, das sich im Ausland in den Köpfen der Menschen manifestiert? Und können umgekehrt wir sagen: „Das Leben in Deutschland ist schön!“, so schön, um unbedingt hierher zu kommen? Dass es nicht gleich das Paradies ist, versteht sich von selbst. Aber trägt es nicht doch vielleicht Züge davon in sich – nur wir bemerken es nicht oder wollen es nicht bemerken, weil wir uns v.a. emotional lieber mit den Defiziten beschäftigen?

Am 23. Mai 2014 hält Navid Kermani die Festrede zum 65. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (Verkündigung des Grundgesetzes). Diese ehrenvolle Aufgabe wird ihm, dem gläubigen, muslimischen Schriftsteller mit iranischer Abstammung, der zu einem der führenden Intellektuellen zählt, zuteil. Und bei seiner Rede merkt er an: Ich habe keinen Zweifel, dass die Mitglieder des Parlamentarischen Rates [Väter und Mütter des Grundgesetzes], sollten sie unsere Feststunde von der himmlischen Ehrentribüne aus verfolgen, zufrieden und sehr erstaunt wären, welche Wurzeln die Freiheit innerhalb der letzten 65 Jahre in Deutschland geschlagen hat. Und wahrscheinlich würden sie auch die Pointe bemerken und zustimmend nicken, dass heute ein Kind von Einwanderern an die Verkündung des Grundgesetzes erinnert, das noch dazu einer anderen als der Mehrheitsreligion angehört. Es gibt nicht viele Staaten auf der Welt, in denen das möglich wäre. Dann führt weiter aus: „Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen“, sagte vor kurzem der Bundespräsident [Joachim Gauck]. Ich kann dem nicht widersprechen. Um dann am Ende mit zwei Worten zu schließen: Im Namen zumal der Muslime, die in Deutschland Rechte genießen, die zu unserer Beschämung Christen in vielen islamischen Ländern heute verwehrt sind, im Namen also auch meiner frommen Eltern und einer inzwischen 26-köpfigen Einwandererfamilie möchte ich sagen und mich dabei auch wenigstens symbolisch verbeugen: Danke, Deutschland.

Danke sagen, für das Land (mit und trotz all seiner Probleme), in dem wir leben dürfen. Solches mutet uns vielleicht seltsam an. Und doch – aus dem Mund Kermanis, aus dem Mund eines gläubigen hochgeschätzten Mannes mit ausländischen Wurzeln, stimmt es mehr und weiter und tiefer als nur nachdenklich.

Danksagen, das bedeutet in der kath. Kirche Gottesdienst feiern, Abendmahl feiern, wörtlich: Eucharistie (Danksagung). In jedem Gottesdienst bringen wir ein, was zu unserem Leben gehört. Das Gute, das Schöne, nicht weniger das Schwere, die Last – wir legen alles auf den Altar, das heißt eigentlich: wir legen alles auf Jesus Christus. Und in ihm glauben und hoffen wir, dass Gott alles zum Leben wandeln wird. Und also darf man einstimmen in die Erkenntnis des Psalmbeters „auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu. Ja, mein Erbe gefällt mir gut“ (Psalm 16,6)!

„Gott sei Dank!“ war eines der wichtigsten Worte, die Navid Kermani bei seinem Vater gehört hatte.

Möge unser Herz solchen Dank spüren – und unser Mund manchmal auch aussprechen – auch für unser Land, in dem wir leben dürfen.

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"Was hat sich der liebe Gott bei Zecken gedacht?"    (Stephan, 11.10.21)

„Was hat sich der liebe Gott eigentlich dabei gedacht, als er die Zecken schuf?!“ Als ich diese Frage vor kurzem hörte, musste ich schmunzeln. Denn die Frage habe ich mir tatsächlich auch schon gestellt. Dieses Mal kam die Frage von einer älteren Dame. Ich saß mit ihr im Wartezimmer der Arztpraxis und wir unterhielten uns über die FSME-Impfung. Und dann ihre Frage: „Was hat sich der liebe Gott bei den Zecken gedacht?“ Zecken, diese fiesen Biester, die sich an uns festbeißen und gefährliche Krankheiten übertragen können. Auch Ameisen beißen, aber sie räumen auch den Wald auf. Bienen stechen, bestäuben aber auch Blüten und sorgen so für unser Ökosystem, und leckeren Honig geben sie auch. Aber Zecken? Uns ist im Wartezimmer einfach nichts eingefallen, wozu sie nützlich sein könnten. Und so zogen unsere Gedanken weitere Kreise über Sinn und Zweck anderer Geschöpfe. Bei uns Menschen kamen wir auch ins Schleudern. Die „Krone der Schöpfung“, „Ebenbilder Gottes“, welchen Sinn und Zweck haben wir? Wenn wir uns anschauen, wie wir mit unseren Mitgeschöpfen umgehen, da könnten diese auch fragen: „Was hat sich der liebe Gott bei den Menschen gedacht?“

Unser Gespräch im Wartezimmer (die später hereinkamen, wunderten sich ein bisschen) war so interessant, dass ich es dieses Mal fast bedauert habe, als mich die Ärztin zur Sprechstunde rief.

Was hat sich der liebe Gott dabei gedacht? Welchen Sinn hat manches in unserem Leben? Die Frage geht mir nicht mehr aus dem Kopf und geht weit über Zecken hinaus:

Welchen Sinn hat Corona? Welchen Sinn haben Atomraketen oder Kopfweh, Zebrastreifen in einer Spielstraße oder Werbeunterbrechungen an der spannendsten Stelle eines Films? Welchen Sinn macht es, öfters an der Ampel zu drücken, obwohl es trotzdem nicht schneller grün wird? Wozu müssen Krankenwagen nach der Straßenverkehrsordnung auch einen Verbandskasten an Bord haben? Warum durften in Baden-Württemberg Lehrerinnen bis ins Jahr 1956 nicht heiraten? Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen.

Mal sind es Dinge des Alltags, mal ist es etwas, das im Studium zu lernen ist. Immer wieder die Frage nach dem großen Sinn des Lebens und manchmal nach der kleinen Zecke - was hat sich der liebe Gott nur dabei gedacht!?

Dazu habe ich in diesen Tagen etwas Schönes von der Bloggerin und Autorin Susanne Niemeyer gelesen: „Als Gott die Welt erschuf, machte er als erstes die Großzügigkeit. Das hatte praktische Gründe. Er wollte aus dem Vollen schöpfen. Er legte fünf Erbsen in eine Schote, statt einer. Er hängte mehr Kirschen in den Baum als er je hätte essen können. Das Meer füllte er randvoll und mit Sternen warf er um sich. Dem Menschen gab er zehn Finger und der Fliege tausend Augen. Wenn schon, denn schon, dachte er und rief: Weitermachen!“

Großzügigkeit! Nicht bei jeder Kleinigkeit (und seien es Zecken!) nachforschen, was nun ihr Sinn und Zweck ist, sondern großzügig sein. Mehr geben als erwartet (Zeit, Vertrauen, Offenheit oder Nachsicht). Großzügig sein (mit den Fehlern anderer und mit meinen). Und weitermachen (mit der Freude und Lust am Leben).

Großzügig weitermachen! Das wünsche ich Euch für diese Woche und fürs Wintersemester. Und da sind die Zecken erst mal nicht mehr so das Problem, denn die werden im Herbst und Winter deutlich weniger. Macht Sinn!

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"Das Leben ist schön! 1 - Wie im Himmel"    (Joachim, 04.10.21)

Wer die folgenden Schilderungen innerlich nachvollziehen möchte, der sollte dem Wandern nicht abgeneigt sein, Heidelbeeren nicht verachten und der Stille nicht entkommen wollen – dann allerdings glaube ich, versteht man ganz gut.

Es ging an einem der wenigen sonnigen Tage im August durch den Wald hinauf zum Großen Rachel (1452m) im Bayerischen Wald. Zeitig waren wir unterwegs und also nur einzelne Wanderer vor und hinter uns. Von unten im Tal dröhnen noch die Motorsägen der Waldarbeiter; ihr Lärm gerät mit jedem Höhenmeter weiter weg, aber er ist immer noch da. Dann wandelt sich die Landschaft. Der Wald wird lichter, so alpinmäßig, und ebenso der Pfad. Schließlich verstummt auch das letzte

Motorengeräusch im Schallschatten. Direkt unterhalb des Kleinen Rachel stehen wir und es ist ganz still. RUHE! Erfüllte RUHE – um uns und in uns!

Und über uns? (Bayerisch) weiß-blauer Himmel!

Unser Blick reicht weit über Höhen und Gipfel des Bayerischen und des Böhmerwaldes - und am Boden zu unseren Füßen: Heidelbeeren!

Heidelbeeren in Hülle und Fülle und ohne Ende.

Wir sind alleine; nur ein Vogel singt unweit sein kleines „Liedchen“. Für ein paar Momente ist es wie im Himmel. Wir bleiben stehen und schauen und lauschen der Stille. Eine Wanderin kommt von unten nach; Zeichen dass dieser Augenblick zu Ende ist und zum Weitergehen auffordert - und doch diesen Augenblick im Herzen mitzunehmen.

Auf dem Weg zum Gipfel sind wir schon nicht mehr alleine, von anderen Seiten kommen nach und nach weitere Wanderer dazu: Servus, Grüß Gott und sogar ein „Habe die Ehre“ eines älteren Mannes, der es etwas langsamer angehen lassen muss. [Ein Bischof aus Innsbruck hat in einem Buch einmal bemerkt: Wenn ich noch erleben will, wie man einander grüßt, muss ich in die Berge!] Wir kommen oben am steinigen Gipfel des Großen Rachel an, schon einige sind dort. Auf einem der Felsen steht das Gipfelkreuz; darin eingeschrieben:

So sehr hat Gott die Welt geliebt. Joh 3

Wer immer dieses Kreuz aufgestellt und diesen Bibelvers dazu ausgewählt hat, zumindest mir hat er an diesem Tag aus dem Herzen und ins Herz gesprochen. Ich kenne den theologischen Hintergrund dieses Jesuswortes. Doch an diesem Tag hat es mir das zuvor Erlebte erleuchtet. Ja, so sehr hat Gott die Welt geliebt, wie wir es in diesem Moment unterhalb des Gipfels auf besonders intensive Weise erfahren haben: Das Leben ist schön!

Eine Fülle, ja Überfülle für den Gaumen (Heidelbeeren), eine erfüllte Stille (Ruhe) und über uns und in uns der Himmel im weiten Blick auf die Berge … ein paar Augenblicke lang …

Erfüllte Ruhe meint keine Grabesruhe, sie ist nicht das Gegenteil zu Leben und Lebendigsein, zu Gemeinschaft, Aktion, Lebensfreude, … eine erfüllte Ruhe ist das, was das Lebendige in die Seele aufnimmt und still werden lässt (still ganz im Sinne von gestillt werden, gestillt sein). Ich glaube keiner hat die Ruhe so vollendet ins Wort zu fassen vermocht wie der mittelalterliche Theologe und Mystiker Meister Eckhart:

Fragte man mich, ich sollte erschöpfend Auskunft
darüber geben, worauf der Schöpfer abgezielt
habe damit, daß er alle Kreaturen erschuf, so
würde ich sagen: auf „Ruhe“.
Fragte man mich zum zweiten, was die Heilige
Dreifaltigkeit in allen ihren Werken insgesamt
suche, ich würde antworten: „Ruhe“.
Fragte man mich zum dritten, was die Seele in
allen ihren Bewegungen suche, ich würde
antworten: „Ruhe“.
Fragte man mich zum vierten, was alle Kreaturen
in allen ihren natürlichen Strebungen und
Bewegungen suchen, ich würde antworten: „Ruhe“

       Meister Eckhart, (Predigt 60) Gott ist die Ruhe selbst

Vielleicht braucht es ein paar Lebensjahre mehr, um ihn (Eckhart) wirklich zu verstehen. Aber ich glaube, dass man in jedem Alter eine Ahnung bekommen kann von der Lebensfülle, die in diesem Wort bzw. in der Ruhe lauert. Ich wünsche diese Ahnung und solche Ruhe uns jedenfalls in unser aller Herz – wenigstens in ganz besonderen Momenten und Augenblicken unseres Lebens!

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"Frohe Weihnachten"    (Stephan, 13.09.21)

Frohe Weihnachten! Wie bitte? Hat sich Euer Hochschulpfarrer in der Jahreszeit vertan? „Frohe Weihnachten“ im September, da muss was durcheinandergekommen sein. Nein, nein, keine Sorge: Mir ist bewusst, dass es bis Weihnachten noch mehr als 3 Monate sind. Und ich bin tatsächlich einer, der Schokonikoläuse und Lebkuchen in den Supermarktregalen bis zum 1. Advent links liegen lässt. Aber vor wenigen Tagen hatte ich einen Vorgeschmack auf Weihnachten – an einem sonnigen Septembermorgen:

Ich wartete am Stuttgarter Hbf. auf meinen Zug, als plötzlich ein älterer Herr im Anzug an meinem Bahnsteig wie wild mit dem Arm wedelte und lachte. Mein Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger, und da sah ich es: Ein leerer Zug fuhr aus dem Bahnhof heraus und auf seinen digitalen Anzeigen vorne und an den Seiten stand „Frohe Weihnachten“! Es war wohl ein Zug in Richtung Pause und Abstellgleis, aber statt „Betriebsfahrt“ oder „Nicht einsteigen“ hatte der humorvolle Lokführer „Frohe Weihnachten“ programmiert. Die Freude des schneeweiß-haarigen Herrn auf dem Bahnsteig war ansteckend – auch ich musste lachen und habe einen Moment lang Weihnachts-Vorfreude im September gespürt.

Mit der Vorfreude ist das ja so eine Sache. Die kommt heute immer seltener vor:

Ich fotografiere und sehe das Ergebnis sofort auf dem Display. Kein langes Warten, bis der Film entwickelt und die Bilder da sind. Praktisch! Aber keine Vorfreude mehr.
Kein begeistertes Erzählen nach dem Urlaub, was wir erlebt haben. Ist längst in Bild und Text gepostet, an Bekannte, Freund*innen und die halbe Welt. Praktisch, aber keine Vorfreude mehr.
In einer Woche kommt der großartige neue Spielfilm im Fernsehen. Aber er ist auch jetzt schon in der Mediathek zu sehen. Praktisch, aber keine Vorfreude mehr.

Es gibt einen fiesen Gegner der Vorfreude: „Instant gratification“ nennen es Wirtschaftswissenschaftler: Sofortige Belohnung! Und wie es aussieht, steht es gerade oft 1:0 für das Team „instant gratification“. Das ist schade, denn es braucht die Vorfreude. Für unser Gehirn ist die Vorfreude wie ein Aperitif. Vorfreude sorgt für eine Menge positiver Fähigkeiten und Gefühle wie Zuversicht, ein gutes Selbstbild oder Lebensglück. Deshalb lohnt es sich, die Vorfreude neu für sich zu entdecken. Lasst uns heute damit anfangen:

Heute ist der 1. Schultag nach den Sommerferien in Baden-Württemberg, vielleicht auch für einige von Euch im Praxissemester oder Referendariat. Früh aufstehen, lernen und lehren! Ja, aber auch wieder Freunde treffen, Schönes erleben – und die Vorfreude auf die Herbstferien!

Auch das Wintersemester steht vor der Tür (oder hat schon bei manchen begonnen): Freut euch, es gibt wieder Seminare in Präsenz, neu erwachtes Leben auf dem Campus, im Studidorf und in der Stadt. Und wem das nicht reicht, es gibt ja noch uns, die ESG-KHG. Kommt vorbei!

Und was gibt es nicht alles, worauf wir uns noch vor-freuen können:

Heute ist Montag, der Beginn einer Woche. Und das Wochenende wartet schon auf uns!
Im September haben wir, die ESG-KHG, viel draußen vor. Braucht es nur noch Sonne und Euch!
24.09. ist Klimastreik, 26.09. Bundestagswahl, oder gibt es noch ganz anderes, wo ihr hingeht?
Und dann eben Weihnachten! Ist noch ein bisschen bis dahin. Aber ich freu mich jetzt schon!

Hier noch ein letzter Vorfreude-Vorschlag: Nehmt euch jeden Tag, morgens, mittags oder abends einen Moment Zeit und überlegt, worauf ihr euch vor-freuen könnt. Und wenn ihr gar nichts findet, wünsche ich euch Menschen wie den Lokführer, der Lust auf „Frohe Weihnachten“ hatte, und die euch an ihrer Vorfreude teilhaben lassen.

In diesem Sinne, ein gutes Wintersemester – jetzt erst einmal einen spätsommerlich-schönen September – und dann „frohe Weihnachten“!

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"Lebe weiter! Lebe gut! Lebe!"    (Stephan, 26.07.21)

„Lebe weiter! Lebe gut! Lebe!“ Diesen besonderen Drei-Satz habe ich am Freitag gelesen. Am letzten Tag meines Wochenkurses Notfallseelsorge habe ich auf dem Büchertisch ein Büchlein entdeckt und darin diesen Lebens-Drei-Satz. Neben Büchern über Seelsorge im Blaulichtgewitter oder Kinder im Krisenmodus, Traumabewältigung und Umgang mit Schicksalsschlägen lag dieses kleine Buch und hat meine Neugier geweckt:

Titel: Alles gut – Das kleine Überlebensbuch. Auf dem Cover ein lässiges Comic-Schaf unter einem Sonnenschirm. Und im Buch Interessantes zum Thema Resilienz. Resilienz: Dieses Zauberwort, das seit Jahren in aller Munde ist, wenn uns im Leben Schweres erwischt, kann man gut übersetzen mit „Widerstandskraft“. Es kommt ursprünglich aus der Physik, ist inzwischen aber auch in der Psychologie, Theologie und Soziologie zuhause als „seelische Widerstandskraft“. So wird in dem Büchlein am Anfang in aller Kürze erklärt, was passiert, wenn etwas Schlimmes passiert und uns die Kräfte raubt. Da bricht ein Gewitter im Kopf über die verschiedenen Gehirnregionen herein, die Hormone spielen verrückt und erst einmal wird alles heruntergefahren, wir sind wie gelähmt, frieren ein.

„Lebe weiter! Lebe gut! Lebe!“, hält das Büchlein der Ohnmacht entgegen. Wie soll das funktionieren, wenn alles dagegenspricht? Auf sympathisch-leichte, aber wissenschaftlich-fundierte Weise stellt das Buch kleine, alltägliche Körperübungen vor, um unsere Widerstandskraft zu stärken. Denn wenn der Körper wieder in Schwung kommt, kommt die Seele hinterher. Von der Fuß- bis zur Haarspitze leiten die vier Gute-Laune-Schafe Oscar, Emily, Willy und Marie ein Resilienz-Training an, das Wirkung zeigt. Vom Beine-Ausschütteln und Arme-Abklopfen über Bauch-Massieren und Kopf-Kreisen bis zum Lauthals-Herausschreien und Tief-Durchatmen – es sind Übungen, die helfen, uns zu spüren und unsere Lebenskräfte wieder zu entdecken. Und das nicht nur, wenn uns ein großes Unglück trifft. Auch bei Prüfungen, Lebensentscheidungen oder anderen Unsicherheiten können die Übungen uns zurück ins Gleichgewicht finden lassen. Sie sind eine Erinnerung daran, dass in uns Kräfte schlummern, die warten geweckt zu werden.

Und diese Kräfte können wir auch in guten Zeiten trainieren. Nun steht der Sommer vor der Tür – eine Zeit für Spaß und Erholung. Auch und gerade im Sommer können wir uns einüben in gutem Leben. Wenn euch die hoffentlich schönen Wochen des Sommers bevorstehen, nehmt euch ab und zu Zeit für eine Minute Hüftkreisen, Rückendehnen oder Zehenstrecken. Und vielleicht gibt es in den Semester- und Sommerferien ja noch ganz anderes, wie ihr das Leben spüren könnt: Auf Berggipfel wandern oder einen kleinen Spaziergang machen. In die Fluten eines kühlen Meeres oder Sees springen oder eine Handvoll Wasser mit den Händen ins Gesicht spritzen. Menschen treffen, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben, oder neue kennenlernen. So spüren wir das Leben! Probiert es aus in den Sommerwochen - egal ob ihr Euch fröhlich-leicht oder sorgen-schwer fühlt. Kleine Lebensübungen werden Euch stärken – für den Moment und für die Zukunft.

„Lebe weiter! Lebe gut! Lebe!“ – das wünsche ich euch für diesen Sommer, bis wir uns wiedersehen - und dann gemeinsam gut weiterleben.

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"Augen, die sehen"    (Joachim, 19.07.21)

Wenn man sich fragt, warum Jesus von Nazaret in so kurzer Zeit so viele Frauen und Männer für sich gewinnen konnte, weshalb manche alles stehen und liegen ließen, um einzig ihm zu folgen? Oder weshalb der eine oder die andere sich nichts sehnlicher wünscht, als ihm unbedingt einmal zu begegnen? Wenn man also – zusammengefasst – fragt, wieso waren Menschen von Jesus so fasziniert, dass sie selbst dann, als er ganz offensichtlich gescheitert war, nach kurzer Schockstarre nichts von ihrem Vertrauen und Glauben abbringen konnte, in ihm und seinem Tun Gottes Liebe zu sehen, dann liegt das daran (nicht nur, aber in jedem Fall unbedingt daran), dass Jesus Augen hat, die sehen. Und das heißt gleichzeitig, dass eben nicht jeder, der Augen hat, so sieht, wie er, Jesus, es offensichtlich vermag.

Da lehrt er wieder einmal in der Synagoge. Die Größe einer solchen können wir uns heute vielleicht wie sehr großes Klassenzimmer vorstellen. Und natürlich stehen vorne bei Jesus die Männer und hinter ihnen irgendwo die Frauen. Unter ihnen eine seit Jahren von einem krummen Rücken gequälte und also niedergebeugte Frau. Wenn man sich diese Szenerie vor Augen führt, dann muss man sich fragen, wie konnte Jesus diese überhaupt sehen. Doch er, er sah sie; und nicht nur sie, sondern auch ihre verwundete Seele und niederbeugende Krankheit. Und weil er Augen hat, die all das sehen, kann sie in diesem seinen Augen-Blick heil werden, darf sie sich aufrichten und leben. (Lk 13,10ff).

Noch frappierender. Vier Männer bringen einen Gelähmten, können aber der vielen Leute wegen nicht zu ihm ins Haus. Also decken sie das Dach ab und lassen den Gelähmten auf einer Bahre direkt vor ihn hinunter. Und da heißt es: Als Jesus ihren Glauben sah … - Jesus sieht(!) ihren Glauben. Was gibt es da für ihn zu sehen? Und noch mehr: Er sieht den Gelähmten und sieht, welche Last ihn wirklich innerlich und also auch körperlich niederdrückt. Es ist nicht „einfach“ eine Krankheit. Und so schaut er ihn an mit Augen, die sehen, und sagt zu ihm: Kind, jetzt sind deine Sünden nachgelassen. Auf nimm deine Bahre und geh nach Haus! Und so angeschaut, mit solchen Augen angesehen, und so angesprochen mit solchen Worten, fällt alles von ihm ab und er kann sich aufrichten und leben. (Mk 2,1ff)

Und das vielleicht charmanteste Sehen auf seinem Weg nach Jerusalem. Er kommt in die Oasenstadt Jericho. In einen Maulbeerfeigenbaum hat sich ein Mann von kleiner Statur versteckt. Jesus blickt zu ihm hinauf. Das an sich ist schon eine komische Szene. Der gewiefte, tricksende, mit Römern kollaborierende, reiche und oberste der Zöllner (also in den Augen der Leute der „oberste Gauner“) hockt auf einem Baum, allein um diesen Mann aus Nazaret zu sehen. Jesus blickt nach oben und – die Leute sind fassungslos – lädt sich selbst bei diesem Abzocker ein: Komm schnell herunter. Denn heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein. Jesus hat Augen, die sehen. Und deshalb nimmt er ihn nicht wie er ist, sondern wie er ihn sieht; und er sieht was jener offensichtlich (noch) nicht war, aber wohl werden könnte. Und siehe da: Von solchen Augen angesehen, und von solchen Worten willkommen geheißen, erkennt der Kleinwüchsige sein großes Potential; er kann alles loslassen, was ihn von den anderen und vom Leben trennt. (Lk 19,1ff)

Augen, die sehen! Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa (1888 – 1935) hat solchen Augen ein Gedicht geschrieben. Wenn ich es lese, dann fallen mir Namen von Männern und Frauen ein, die (zumindest in bestimmten Situationen), mit solchen Augen zu sehen vermochten, zu schauen wie Jesus schaut – kurz gesagt: mit Gottes Augen zu sehen (gleichwohl Fernando Pessoa es so wohl nicht ausgedrückt hätte).

Ich wünsche uns zumindest Momente, wo auch wir so zu sehen und zu schauen vermögen – und zwar nicht an irgendwelchen besonderen Orten in den Ferien (dort natürlich auch), sondern v.a. da, wo wir ganz alltäglich leben.

Alle Dinge,
die wir sehen
müssen wir
immer wieder zum ersten Mal sehen.
Und dann ist jede gelbe Blume
eine neue gelbe Blume,
auch wenn es dieselbe von gestern ist.
Wir sind nicht mehr dieselben
und die Blume ist es
ebensowenig.
Sogar das Gelb kann nicht mehr
dasselbe sein.
Schade, dass wir nicht
die Augen haben,
um dies zu begreifen,
dann nämlich
wären wir alle
glücklich

Fernando Pessoa

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"Schönste Nebensache der Welt"    (Stephan, 12.07.21)

„Fußball ist die schönste Nebensache der Welt“, so hat es einmal ein Erzbischof gesagt. Und diese Nebensache ist erst einmal zu Ende, zumindest die Fußball-EM 2021. Italien ist der neue Europameister.

Egal ob ihr die „Nebensache Fußball“ mögt oder Gott froh seid, dass das Spektakel nun vorbei ist, diese EM war etwas Besonderes. Als „Leuchtfeuer der Hoffnung“ hat sie die UEFA angekündigt und - hat nichts dafür getan! Der europäische Fußballverband hat die Austragungs-Städte zu vollen Stadien gezwungen und hat so die erste paneuropäische eher zur pandemischen EM gemacht. Und zugleich hat die UEFA einen Kuschelkurs mit Demokratiefeinden wie Viktor Orbán in Ungarn oder Ilham Aliyev in Aserbaidschan gefahren. Die Fußball-Bosse waren es nicht, aber andere haben „Leuchtfeuer der Hoffnung“ entzündet: 

* Vor Anpfiff des Achtelfinalspiels zwischen England und Deutschland haben sich die Spieler beider Teams niedergekniet und ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt. Manuel Neuer hat eine regenbogenfarbene Kapitänsbinde getragen und wurde zum Vorbild für andere. Die UEFA wirbt zwar für Menschenrechte, Vielfalt und Toleranz, verbietet aber z.B. bunt angestrahlte Stadien.
Fußball, die schönste Nebensache; Hauptsache ist aber manchmal etwas anderes.

* In der Vorrunde spielte Belgien gegen Dänemark. Belgien gewinnt 2:1 – aber das ist am Ende Nebensache. In der 10. Minute des Spiels passiert etwas, das es sonst beim Fußball nie gibt. Die Spieler beider Mannschaften hören plötzlich auf zu spielen. Und fangen an zu klatschen, und die Fans klatschen mit. Es soll so laut sein, dass es im 450 Meter vom Stadion entfernten Krankenhaus zu hören ist. Beifall als gute Genesungswünsche für den dänischen Nationalspieler Christian Eriksen, der im Spiel davor einen Herzstillstand erlitten hat. Einen Tag nach dem Spiel mit dem Klatschen für ihn konnte Eriksen das Krankenhaus verlassen.
Fußball, die schönste Nebensache; Hauptsache ist aber manchmal etwas anderes.

* Und dann gab es noch die anderen kleinen und großen Geschichten. Der Engländer, der eine Solidaritätsaktion startete für das Mädchen, das nach der Niederlage des deutschen Teams bitterlich im Stadion weinte und dafür im Internet fertig gemacht wurde. Fans von Gewinnermannschaften, die die Verlierer trösteten. Torwarte, die sich gegenseitig zum Elfmeterschießen alles Gute wünschten. Spieler, die die Schiedsrichter nicht beschimpften, sondern mit für faire Spiele sorgten.

Fußball kann die schönste Nebensache sein, Fußball schreibt Geschichten wie aus dem Leben. Aber Fußball ist nicht die Hauptsache. Es gibt anderes, das wichtiger ist in unserem Leben. Ob ich mich in ein paar Jahren noch erinnere, wer Fußballeuropameister 2021 wurde, ich weiß es nicht. In diesem Sommer werde ich sicher anderes in Erinnerung behalten,
wie Gedanken, Gebete und Genesungswünsche bei einem waren, der es dringend nötig hatte;
wie Tränen zu Mitleid und Solidarität statt Schadenfreude geführt haben;
wie Zeichen gesetzt wurden für eine tolerantere Welt und ein gerechteres Leben.

Das ist dann wirklich „ein starkes Stück Leben“, wie der ehemalige Bischof Wolfgang Huber einmal den Fußball bezeichnet hat. Wirklich stark kann das Leben neben dem Platz, außerhalb der Stadien und mittendrin im Alltag sein, nah bei uns. Denn da sind Menschen, die zusammenhalten und Brücken bauen für die, die sonst vergessen werden. Solche Menschen können auch wir sein. Das ist dann nicht mehr die schönste Nebensache der Welt, sondern die wunderbarste Hauptsache im Leben.

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"Was machen wir hinterher"    (Joachim, 05.07.21)

Was machen wir hinterher? normalerweise fragen wir naheliegender: Was machen wir nachher? Was machen wir nach der Vorlesung? Nach dem Kino? Was machen wir nach dem Frühstück? Was machen wir, wenn wir uns nachher treffen?

Gehn wir noch was essen oder einen trinken? Manchen wir erst mal Pause oder fangen wir gleich an mit der Seminarvorbereitung? Alles alltägliche, tagtägliche Fragen und Überlegungen. Dagegen die Frage: Was machen wir, was mache ich hinterher? Die greift weiter aus und mitunter scheint mir die Antwort alles andere als naheliegend. Was mache ich nach dem Studium? Für die meisten, die an der PH oder HVF studieren, dürfte das relativ klar sein: einen pädagogischer Beruf ergreifen oder einen in der Verwaltung. Doch beim einen oder anderen kann sich die Frage einschleichen: Ja, was mache ich hinterher (mit meinem Studium)?

Und auch andere existentielle Fragen können so lauten. Was mache ich hinterher, wenn das alles überstanden ist. Und so ähnlich liegt diese Frage seit einem Jahr für uns alle in der Luft: Was machen wir hinterher, wenn die Pandemie überwunden sein wird? Was machen wir dann? Machen wir so weiter, wie zuvor? Möglichst so als sei da nur eine Unterbrechung gewesen?

Viele bis hinein in Wissenschaft und Politik fragen derzeit genau danach: Sollen, ja dürfen wir so weiter machen wie vor der Pandemie? Was machen wir hinterher? Diese Frage schien uns einst eher als einzelne oder als kleine Gemeinschaft zu betreffen, doch jetzt stellt sie sich uns allen miteinander.

Lange vor der Pandemie hat der – manchen von Euch vielleicht bekannte – unnachahmliche Kabarettist, Autor und Schauspieler Hanns Dieter Hüsch (* 1925, † 2005) sich dieser Frage gestellt. Hanns Dieter Hüsch war alles andere als ein Kind von Traurigkeit, er war – wie man so sagt – eine rheinische Frohnatur. Ein berühmtes Wort von ihm lautet: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit … Gott nahm in seine Hände meine Zeit“. Vielleicht war das so etwas wie sein Lebensmotto, ich weiß es nicht wirklich, unterstelle es ihm einfach einmal. Und genau darunter, unter diesem Motto, steht bei ihm wohl die Frage nach dem Hinterher, genauer nach dem, was wir hinterher machen.

Und so will ich uns die „Antwort“, nach der Hanns Dieter Hüsch gesucht und die er gefunden hat, und die er dann als ein Bekenntnis, als sein Bekenntnis auf die Frage nach dem Hinterher ablegt, so will ich uns also die in seinem Bekenntnis verborgen liegende Antwort als ein Leitbild, als ein Licht, als eine Ermutigung mitgeben auf dem Weg unserer Antwortsuche zur Frage: Was machen wir hinterher?

Was machen wir hinterher?

Trinken wir ein Bier? Sind wir gut versichert? Haben wir Kinder? Spielen wir Klavier? Oder sind wir Erfinder?
Ich bin zuversichtlich, denn Gott, der Herr, versöhnt mich mit dem Leben, das nicht leicht ist.
Sind wir labil? Oder sind wir wie die Ringer und drücken gleich zu, in unseren vier Wänden, oder zählen wir unsere Finger an unseren zwei Händen?
Ich bin ohne Furcht, denn Gott, der Herr, versöhnt mich mit den Feinden, die ich töten wollte.
Haben wir Schulden? Nehmen wir Tabletten? Oder haben wir ein Vorbild aus der Geschichte? Leben wir in Ketten? Oder schreiben wir Gedichte?
Ich bin zuversichtlich, denn Gott, der Herr, versöhnt mich mit dem Tag, an dem ich gehen muß.
Was machen wir hinterher?
Fahren wir weit weg? Oder gehen wir gleich nach Haus?
Tanzen wir im Gebirge? Oder tauchen wir tief? Steigen wir ein oder steigen wir aus?
Ich bin ohne Furcht, denn Gott, der Herr, macht mich leicht und versöhnt mich mit Himmel und Erde.

Hanns Dieter Hüsch

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"Halbzeitpause"    (Stephan, 28.06.21)

Es ist Halbzeit, übermorgen, 30. Juni: 6 Monate vorbei, 6 Monate kommen noch im Jahr 2021. 

Es ist Halbzeit, bei der Fußball-EM 2021: Die Hälfte der Zeit ist rum. Die deutsche Elf hat 3 Spiele hinter sich. 3 kommen noch. Die müssen sie gewinnen, dann wären sie im Finale.

Nach einer Halbzeit gibt es eine Pause, in jedem Fußballspiel nach 45 Minuten. Kräftesammeln. Blick zurück, wie ist es gelaufen? Blick voraus, wie geht es weiter? Und was gibt der Trainer in seiner „Kabinenpredigt“ mit? Manchmal scheint sich in den 15 Minuten etwas zu drehen. Das Spiel in der 2. Halbzeit wendet sich. So beim letzten Vorrundenspiel Deutschland – Ungarn vergangenen Mittwoch. 1. Halbzeit 1:0 für Ungarn: Deutschland wäre raus aus dem Turnier, Ungarn weiter. Nach der 2. Halbzeit 2:2 unentschieden. Deutschland ist als Gruppenzweiter weiter, Ungarn musste nachhause fahren.

Nicht nur im Sport, auch sonst kann eine (Halbzeit)Pause guttun und dem Spiel (des Lebens) eine Wendung geben. Runter vom Spielfeld des Alltags, Auszeit, und dann mit gesammelter Energie in die nächste Runde Leben einsteigen. Solche Halbzeitpausen gibt es auch in unserer Hochschulgemeinde: dienstags unsere Mittagspause „20 nach bis 20 vor“, mittwochs unser Taizé-Morgengebet, oder am heutigen Montagnachmittag unser Café im Garten.

Ob für mich allein oder miteinander, in solchen Zeiten kann ich innehalten, für mich zurückschauen oder mich mit anderen austauschen: Was habe ich an schönen Momenten erlebt? Was war anstrengend? Beides nicht zu vergessen, hilft für das, was kommt. Was will ich anders machen, oder genau gleich - in der 2. Halbzeit, im 2. Halbjahr, in der 2. Studienhälfte?

In den Psalmen, den alten Gebeten der Bibel, gibt es viele Gedanken, in denen Menschen auch so auf ihr Leben schauen. Manchmal sind sie total fertig und klagen ihrem Gott, was sie alles ertragen und erleiden mussten. Manchmal staunen sie, was Besonderes in ihrem Leben vorkommt. Und manchmal jubeln sie einfach über das Glück, das ihnen geschenkt wurde.

Auch mir geht es manchmal so, nicht nur zu einer Halbzeit. Da kann es auch sein, dass es mir herausrutscht, der kurze Ruf vor Schreck oder Überraschung oder Glücksgefühl: Oh, mein Gott! Junge Leute sagen es noch kürzer: OMG! Eigentlich das kürzeste Gebet, das es gibt. Und ich bin mir sicher, mehr braucht es manchmal gar nicht. Gott versteht schon, was damit gemeint ist. Fast genauso kurz und einer meiner Lieblingsverse aus den Psalmen (31,16) heißt:

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Im Originaltext steht nicht mal ein Verb: „Meine Zeiten in deinen Händen.“

Großartig! So kann ich es einsetzen, je nachdem, was mir gerade widerfährt:
Wenn ich erschrecke oder niedergeschlagen bin: „Meine Zeit bewahrt in deinen Händen.“
Wenn ich vor Glück die Uhren anhalten will: „Meine Zeit steht still in deinen Händen.“
Und wenn ich mich einfach geborgen fühle, reicht auch: „Meine Zeiten in deinen Händen.“

In der Halbzeitpause kann ich zurückblicken, nachdenken, Pläne für die Zukunft entwerfen. Oder ich sage es einfach ganz kurz: „Meine Zeiten in deinen Händen.“ Und dann atme ich durch, genieße, sammle Kräfte und mache den ersten Schritt in die 2. Halbzeit.

Euch wünsche ich für diese Woche gute Halbzeitpausen, Momente zum Durchatmen und glückliche Zeiten. Und seid alle Zeiten in guten Händen.

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"Ich sage Ja"    (Joachim, 21.06.21)

„Ich sage Ja!“ Ich stimme zu, ich bin dabei, ich gehe mit …

Im Tiefen und im Letzten bezieht sich dieses Ja auf ein Du hin und findet so z.B. in der Hochzeit einen feierlichen Höhepunkt, ist kaum mehr zu überbieten, weil – wenn man ehrlich ist – ein solches Ja nur gewagt werden kann. Natürlich habe ich gute Gründe, gute Erfahrungen und eine gute Einsicht, und ohne diese würde ich ein solches Ja nicht aus- und zusprechen können. Doch wenn ich ehrlich bin, dann übersteigt dieses Ja, übersteigt ein solches Vertrauen in einen anderen sämtliche guten Gründe zusammen, greift darüber hinaus, und wenn nicht in den Himmel so jedenfalls in eine ungewisse, jedoch erhoffte gute Zukunft.

Aber auch anders kann so ein Ja gesprochen sein, gesprochen als ein Wort meiner Hoffnung: es möge so sein, dass ich Ja sagen kann, dass ich all meinen Mut zusammen bekäme, meine Bedenken und Zweifel doch überwinden könne und dennoch Ja zu sagen vermöchte.

Oder in mitten der Not, wo all mein Vertrauen, mein Glaube an das Gute mich zu verlassen drohen, und ich dann, der Verzweiflung nahe, dieser mit meinem Ja Widerstand leiste. Die Kraft des Jas mag im Extremfall sogar soweit reichen, dass selbst dort, wo überhaupt nichts mehr für ein Ja und alles für ein Nein spricht, der Mensch dennoch an seinem Ja festhält. „Ich sage Ja!“ kann dem Höchsten und Größten, dem Schönsten und Wertvollsten ant-worten und ebenso dem Tiefsten und Abgründigsten trotzen.

Vor einigen Wochen habe ich bereits erwähnt, dass ich mich in diesen Coronazeiten völlig ungewohnt sonntagmorgens vor dem Fernseher wiedergefunden, den Gottesdienst angeschaut und zuschauend mitgefeiert habe. Bis dahin hielt ich das für etwas, was ausschließlich für die Alten, die Gebrechlichen, also für die, die halt nicht mehr in Gottesdienst gehen können, gedacht sei. Ich musste mein Urteil revidieren und erkennen, dass die Gottesdienste – zumindest die, die ich gesehen habe – durchweg stilvoll gestaltet sind, sich alle Beteiligten engagiert einbringen und dabei auch auf eine ansprechend musikalische (natürlich corona-konforme) Inszenierung geachtet wird. Ich habe dabei immer wieder mir unbekannte, gute und schöne Lieder kennengelernt.

Und aus einem solchen Fernsehgottesdienst, der vor einem Jahr in einer evangelischen Kirche gefeiert wurde, schreibe ich Euch dieses Lied, dieses Bekenntnis aus dem Glauben, dieses „Ich sage Ja!“

Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf:
Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf.
Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf
zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt,
und der auch mich in seinen Händen hält.
Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt
und aus dem Tod zum Leben auferstand
und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist
für uns zum Freund und Bruder worden ist.
Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist,
zum Weg der Liebe, den er uns verheißt,
zu wagen Frieden und Gerechtigkeit
in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.
Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot,
Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch in der Not.
Ich sage Ja und Amen, weil gewiss:
Ein anderes Ja schon längst gesprochen ist.

Okko Herlyn

Leider habe ich auch hier keine zugänglichen Noten gefunden, aber auf jeden Fall könnt Ihr es Euch anhören, so wie sie es im Fernsehgottesdienst am 26. April vor einem Jahr gesungen haben: www.youtube.com/watch

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"15-km-Abenteuer"    (Stephan, 14.06.21)

Endlich können wir ein bisschen durchatmen,
endlich ist wieder manches möglich, das so lange eingeschränkt war,
endlich sehen wir einen Silberstreif am Horizont und die Sommer-Sonne am Himmel.
Durchatmen, weil wir anderen wieder ohne Maske ins Gesicht schauen können,
durchatmen, weil wieder Besuche und Treffen in kleineren Kreisen möglich sind,
durchatmen, weil die Eisdiele, das Blüba, der Lieblingsladen wieder offen haben,
durchatmen, weil wir das Leben wieder neu für uns und miteinander entdecken können.

Manche planen schon die große Entdeckungsreise im Sommer, den Urlaub in weiter Ferne.

Doch so fern muss es gar nicht sein. Schon 15 Kilometer am Tag reichen aus, um neue Welten zu entdecken. Zu Fuß kann man in 2 Stunden an vollkommen fremden Orten sein, und zwar jeden Tag aufs Neue. Dieser Gedanke wird dem US-amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau zugeschrieben. Thoreau selbst hat zwei Jahre lang in einer selbst gebauten Holzhütte am Walden-See in Massachusetts gelebt, um für sich herauszufinden, was man wirklich zum Leben braucht. Nicht viel, so seine Erkenntnis. Je weniger man besitze, desto glücklicher sei man, so schreibt er in seinem Buch „Walden“. Und im letzten Kapitel: „Es bedarf nicht des Geldes, wenn man sich Nahrung für die Seele kaufen will.“

Probiert es aus! Zieht um den Ort, an dem ihr gerade seid, gedanklich einen Kreis auf der Landkarte mit einem Radius von 15 Kilometern und dann zieht los, zu Fuß oder mit dem Fahrrad und lasst Euch überraschen, was ihr entdecken werdet. 15 Kilometer Abenteuer in Eurer Nähe!

Wer in Ludwigsburg ist, kann im Umkreis von 15 Kilometern einiges erleben: Verwunschene Keltengräber, das Naturparadies Zugwiesen, ein Selbstpflückfeld mit süßen Erdbeeren, eine Eisdiele mit einer Sorte, die ich noch nie gekostet habe. Und wenn ihr neben den Orten auch die Menschen um Euch wahrnehmt - jetzt wo wir wieder leichter ins Gespräch kommen können - dann können wir Geschichten erleben, die es in weiter Ferne nicht schönere geben könnte.

Zieht los, macht Augen und Ohren auf und euer Herz weit, und erlebt das 15-km-Abenteuer! So wie es auch Jesus erlebt hat, und Menschen mit ihm. Jesus hat sich zu Fuß auf den Weg gemacht (Auto und Zug gab es ja noch nicht!). Er hat neue Wege eingeschlagen. Manchmal waren es vielleicht 15 Kilometer, manchmal ging er einfach bis zu dem Menschen um die nächste Straßenecke, der in Not war oder sich einfach über eine menschliche Begegnung gefreut hat. Von diesen Wegen und Abenteuern lesen wir in der Bibel. Lasst Euch davon anregen und entdeckt die Abenteuer des Lebens – manchmal höchstens 15 Kilometer nah!

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"Nicht ich, sondern Gott in mir!"    (Joachim, 07.06.21)

Dieses Bekenntnis findet sich auf einem im Fußboden der Friedenskapelle des Doms von Uppsala eingelassenen Gedenkstein:

„Nicht ich, sondern Gott in mir.

Dag Hammarskjöld 1905-1961“

In unserer Taizé-Andacht (online) vor Pfingsten haben wir den zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, ein wenig betrachtet. Und seine Wort-Schätze, die aus einem inneren Ringen mit sich selbst und mit Gott hervorgegangen sind, lohnen sich immer wieder anzuschauen, so wie man es mit Schätzen eben tut.

Dieser herausragende Schwedische Staatsmann geriet als UN-Generalsekretär mit seinem unbedingten Einsatz für den Frieden in und zwischen die Mühlen der Intrigen der Großmächte und wohl auch deren Geheimdienste. Unter bis heute ungeklärten Umständen ist das Flugzeug, in dem er auf seiner Friedensmission in den Kongo unterwegs war, abgestürzt. Noch im selben Jahr 1961 bekam Hammarskjöld posthum den Friedensnobelpreis. Und nach seinem Tod dann die Überraschung. Man fand sein Tagebuch – ein ganz außergewöhnliches. Hammarskjöld selbst hat es „Weißbuch meiner Verhandlungen mit Gott und mit mir selbst“ genannt. In diesem Tagebuch offenbart sich ein Weltpolitiker seines Formats als ein tief frommer Mensch, der in sich und in seinem Wirken nichts anderes will, als Gott wirken zu lassen. Dies zu erkennen und in seinem Leben zu verwirklichen, ist ihm keineswegs einfach in den Schoß gefallen. Sein Tagebuch eröffnet er mit einem vierzeiligen Gedicht:

Berührt vom Winde
meines unbekannten Ziels
zittern die Saiten
im Warten

An Pfingsten 1961 – ein halbes Jahr vor seinem Tod – schaut er mit seinem Tagebuch zurück auf Krisenjahre ein Jahrzehnt zuvor, in denen er sich innerlich hin- und hergerissen und niedergeschlagen fühlte. Und so hält er am Fest des Heiligen Geistes rückblickend fest:

„Ich weiß nicht, wer - oder was - die Frage stellte. Ich weiß nicht, wann sie gestellt wurde. Ich weiß nicht, ob ich antwortete. Aber einmal antwortete ich Ja zu jemandem - oder zu etwas. Von dieser Stunde an rührt die Gewissheit, dass das Dasein sinnvoll ist und dass darum mein Leben in Unterwerfung ein Ziel hat."

Es sind keine einfachen Worte, die sich in dieser Schatztruhe, in diesem Tagebuch finden, keine Kalenderspruchweisheiten, die mal eben so schön zu lesen und dann auch wieder zu vergessen sind, Es sind dem Leben und Glauben abgerungene Einsichten (und Erleuchtungen), die Hammarskjöld für sich festgehalten hat und an denen er uns teilhaben lässt. Und von diesen Schätzen möchte ich Euch heute ein paar zeigen. Schätze eines durch und durch integren Menschen und Christen, dem der Frieden und die Versöhnung, nicht nur dem zwischen Völkern und Nationen, sondern auch dem Frieden im Kleinen und ganz Alltäglichen und dem Frieden in der Seele der Menschen, ein wirkliches, existentielles und spirituelles Anliegen war. Mit dem ziemlich altmodischen und uns heutigen geradezu antiemanzipatorisch verdächtigen Begriff „Demut“ findet Hammarskjöld zu seiner inneren Freiheit und Unabhängigkeit, bewahrt sich selbst vor Überheblichkeit und gleichzeitig genauso vor eigener Selbstabwertung:

„Demut heißt, sich nicht vergleichen. In seiner Wirklichkeit ruhend ist das Ich weder besser noch schlechter, weder größer noch kleiner als Anderes und Andere, es ist nichts, aber gleichzeitig eins mit allem.“

Was für eine Erlösung wäre das aus unseren eigenen Selbstverstrickungen: Andere aber auch sich selbst zu bewerten und abzuwerten, das Gefühl zu haben, im Vergleich mit anderen nicht zu genügen, nicht hübsch genug, nicht klug genug, nicht attraktiv genug, nicht schnell genug zu sein – und genauso Erlösung davon, sich selber für etwas Besseres halten zu müssen: Nichts zu sein aber gleichzeitig eins mit allem.

Und im August 1955 schreibt er: „Einfachheit heißt, die Wirklichkeit nicht in Beziehung auf uns zu erleben, sondern in ihrer heiligen Unabhängigkeit. Einfachheit heißt sehen, urteilen und handeln von dem Punkt her, in welchem wir in uns selber ruhen. Wie vieles fällt da weg! Und wie fällt alles andere in die richtige Lage!“

Eine „heilige Unabhängigkeit“, also aus einem inneren Bei-sich-sein, einem inneren Frieden und so in und aus einer Freiheit handeln, in der ich nicht um mich selbst kreise, sondern aus und in Gottes Gegenwart Gottes lebe. Das wärs! Und wie Hammarsjköld zu einem Leben in Demut weiter ausführt:

„Lob und Tadel, die Winde von Erfolg und Misserfolg blasen spurlos über dieses Leben hinweg und ohne sein Gleichgewicht zu erschüttern. Dazu hilf mir, Herr“.

Hammarsjköld zu lesen (und erst recht zu leben) ist anspruchsvoll, weil er selbst einen hohen Anspruch an sich zu stellen wusste. Und gleichzeitig führt er zur Einfachheit, dorthin wo das Leben (sein Leben) im Glauben stimmig wird. Und so schließe ich mit einem ganz kurzen ein- und ausdrücklichen Gebet von Dag Hammarskjöld:

Vor dir, Vater,
in Gerechtigkeit und Demut,
mit dir, Bruder,
in Treue und Mut,
in dir, Geist,
in Stille.

Dag Hammarskjöld, Zeichen am Weg, Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs

Wer sich näher und durchaus anspruchsvoll mit Dag Hammarskjöld befassen möchte, wird hier fündig:

Lore Kugele, Redlich vor Gott, Eine Studie zur ethischen und religiösen Identität Dag Hammarskjölds

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"Dumm gelaufen, und doch etwas draus geworden!"    (Stephan, 23.05.21)

Heute eine Rück- und Vorschau auf Pfingsten: Dumm gelaufen und doch etwas draus geworden!

- Simon hat davon geträumt, dass alles anders wird. Raus aus dem immergleichen Alltagstrott. Raus aus seinem kleinen Dorf. Hinaus in die weite Welt, und er mittendrin.
- Andreas hat nicht von der weiten Welt geträumt, sondern wollte sie auf den Kopf stellen. Die große Freiheit im Sinn und im Blick, und er vorne mit dabei.
- Maria hat sich nur eine kleine, heile Welt gewünscht, für sich ein bisschen Glück, Liebe wenigstens ein Stück, und sie ein Teil davon.

Doch dann: Der mit all ihren Träumen in Verbindung stand, der die Welt weit machen oder auf den Kopf stellen und mit Liebe füllen sollte, Jesus ist nicht mehr da. Gestorben, auferstanden, und dann in den Himmel aufgefahren, zurück zu Gott, seinem Vater. Und Simon, Andreas, Maria, die Freunde und Freundinnen Jesu? Sie sitzen in einem Haus, traurig, ratlos, einsam. Jesus nicht mehr da, Angst in den Herzen. Dumm gelaufen!

- Lara hat davon geträumt, dass alles anders wird. Hinaus in die weite Welt des Studiums, eine neue Stadt erleben, interessante Leute treffen, und sie mittendrin.
- Emily wollte die Welt auf den Kopf stellen, jetzt im Sommer nach ihrem Examen. Die große Freiheit im Sinn und im Blick, eine Reise, der Traumjob, und sie vorne mit dabei.
- Michael hat sich eine kleine, heile Welt gewünscht, wenigstens für die nächste Woche. Für sich ein bisschen Glück, Pfingstferien im Ausland, und er ein Teil davon.
Doch dann: Das die Welt eng gemacht und auf den Kopf gestellt hat, das Corona-Virus ist noch da und wirft weiterhin unsere Pläne über den Haufen. Lara, Emily, Michael und auch wir? Wir sitzen da, traurig, ratlos, einsam, Angst in den Herzen. Dumm gelaufen.

- Die Freundinnen und Freunde Jesu – plötzlich regt sich etwas in ihren Herzen und Köpfen, gibt neuen Mut. Sie stehen auf, gehen nach draußen, kommen in Bewegung. So steht es in der Bibel. „Feuer und Flamme“ waren sie, von Gottes Geist begeistert – Pfingsten vor rund 2000 Jahren.
- Lara, Emily, Michael und auch bei all uns anderen regt sich etwas in Herzen und Köpfen, gibt neuen Mut. So steht es nicht in der Bibel, aber könnte geschehen, jetzt an Pfingsten 2021:

Lasst euch anstecken, nicht vom Virus, sondern vom Hoffnungsgeist. Steht auf, geht nach draußen und kommt in Bewegung. Wenn nicht in die weite Welt dann wenigstens ein paar Kilometer hinaus, ob Impfung oder Test, ob neue Ideen oder Schönes von früher - kleine neue Freiheiten.

„Feuer und Flamme“, wer weiß? Vielleicht auch nur ein Hoffnungsfunke, aber immerhin!

Auch das erste Pfingsten war eher ein zündender Moment, ein erster Geistesblitz. Aber eben Gottes Geistesblitz, der Funke gegen den Frust, der Rückenwind fürs Leben.

Erst klein, dann aber begeisternd und schließlich Feuer und Flamme für alle!

Erst ist´s dumm gelaufen, am Ende ist doch etwas daraus geworden. Ich hoffe, auch für uns. Ich wünsche es euch, dass doch etwas daraus wird, auch mit einem Schwung Geist.

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"Hört! Siehe!"    (Joachim, 17.05.21)

Hört! Siehe … (Mk 4,3ff) Oder: Hätte Jesus ein Deutscher sein können?

 „Why the Germans Do it Better“ – mit diesem Buch erregte John Kemper, britischer Journalist, Auslandskorrespondent und Schriftsteller, letztes Jahr erhebliches Aufsehen vor allem in seiner Heimat. Viele hielten es für einen Witz, als er erzählte, dass er sein Buch unter diesem Titel veröffentlichen wollte. Doch je länger er nachdachte, desto solider erschien er ihm. Kempfer, der viele Jahre in Deutschland lebte und arbeitete und dabei wohl ein Deutschlandliebhaber (sofern es so etwas geben kann) geworden ist, beschönigt entgegen des Eindrucks, den sein von ihm gewählten Titel erwecken könnte, nichts; ja im Buch steckt eine Menge Kritik an Defiziten und besonders Nervigem bei uns in Deutschland. Doch um es auf den Punkt zu bringen, füge ich ein Zitat von ihm an (aus einem Interview, das ich im Radio gehört habe und aus dem Gedächtnis dem Sinn nach so wiedergeben kann): „Wenn in England von zehn Dingen neun schief gehen und eines gelingt, dann bejubelt man das eine und stellt es ganz nach vorne zur Schau. Wenn in Deutschland von zehn Dingen neun gelingen und eines daneben geht, dann hagelt es Kritik und alle hadern wegen dieses einen Misslingens“.

Woher kommt dieses Miesepetergehabe, dieses ständige Kritisieren, Jammern, Nörgeln am Eigenen? Die Deutsche Journalisten Julia Zeh ging bereits vor mehr als einem Jahrzehnt dieser Frage nach dem allverbreiteten Klagen in unserem Land nach. Ihr Aufsatz: „Anleitung zum Selbstverständnis – über das Ende exaltierter Jammerei“ beginnt sie mit der bereits vielsagenden Bemerkung: „Wenn ich etwas über das Wesen des deutschen Patriotismus lernen will, fahre ich Zug. Und zwar ins Ausland …“ Julia Zeh beobachtet genau und gewinnt ihre (neue) Perspektive insbesondere mit Hilfe und aus der Sicht ihrer ausländischen Kolleginnen und Kollegen; und so kommt sie in ihrem Aufsatz dann dazu, unsere herausragende deutsche Fähigkeit so zu benennen: „alles einigermaßen richtig zu machen und dabei alles richtig grauenvoll zu finden“. Und dabei sei diese Neigung zu übersteigerter Selbstkritik [wie es vielleicht nahliegen könnte] gar nicht Ausdruck einer Bescheidenheit, sondern im Gegenteil eine subtile Variante der Überheblichkeit. Eine aus ihren Empfehlungen an uns Deutsche lautet daher: „Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden, denn das kam gemessen an den Realitäten schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich“.

Und? Was hat das jetzt mit Jesus zu tun? „Hört!“ – so spricht er den Leuten zu, die ihn vom Ufer des Sees aus sehen und hören möchten. „Siehe! Ein Sämann zog hinaus, um zu säen. Und dann geschah es“. Hört und seht; denn was dann geschieht, ist im Grunde eine Katastrophe. Ein Teil der Saat nach der anderen geht zugrunde: wird gefressen, verdorrt, erstickt. Nach der zweiten Vernichtung (spätestens) würden wir in Deutschland die politisch Verantwortlichen - wenn schon nicht in die Wüste schicken, so doch – ganz erheblich medial anfeinden. Und selbst wenn wir noch die Geduld aufbrächten, Jesus weiter zuzuhören und auch das Ende zu realisieren: Ein Teil der Saat nämlich fiel auf guten Boden und brachte schließlich zigfachen Erfolg: Frucht, also Korn, also Mehl, also Brot, also Leben! Und genau darauf läuft Jesu „Hört! Siehe!“ hinaus, um dann noch hinzuzufügen: Wer Ohren hat, die hörend sind, höre! …

Also auch dann, wenn wir Deutsche dieses Ende realisierten, selbst dann steckte noch immer eine viel zu große Skepsis in unseren Knochen, als dass wir diesen Erfolg (Leben) uneingeschränkt feiern/genießen (und Gott und den Sämann loben) könnten. Hört! Siehe! Das sollten wir uns in dieser Zeit wieder einmal gesagt sein lassen. Natürlich sind Fehler begangen worden in der Pandemie, teilweise sogar absehbare Fehler. (Und es werden sicher noch weitere folgen). Und natürlich sollen und müssen wir die auch benennen und Korrekturen einfordern. Doch das ist etwas anderes als die fast täglich zelebrierte Lust, sich an den Fehlern der anderen (insbesondere der Politiker) zu weiden. Man könnte manchmal fast den Eindruck gewinnen, dass die „Schuld“ an der misslichen Lage nicht ein Virus trägt, das sich zu einer Naturkatastrophe ausgewachsen hat, sondern vermeintlich unfähige Politiker und/oder Wissenschaftler/Virologen (wahlweise männlich und weiblich).

Wenn wir aber – um noch einmal Jesus im Fortgang seiner Rede zu zitieren – sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören … dann erfüllt sich – in einem anderen Kontext auch heute – das Prophetenwort Jesaias an uns: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Und deshalb an Euch, die Ihr als Studentinnen und Studenten auf der einen Seite die Pandemie sehr viel härter zu spüren bekommt als ich oder wir (die wir in relativ gesicherten Stellungen halbwegs wenigstens mit der Situation zurechtkommen können), und die Ihr auf der anderen Seite Euch hoffentlich noch nicht so sehr vom Jammervirus habt infizieren lassen: Behaltet Euch das gute Sehen und Hören – trotz allem! Lasst Eure Augen vom Blick Jesu Christi leiten und schaut immer auch auf das Gelingen, auf das das Hoffnungsreiche, auf das Schöne und manchmal so unerklärlich Gute mitten im Leben.

Und das heißt jetzt in der Pandemie konkret: Schaut, es ist gelungen in weniger als einem Jahr Dank fähiger und hoch qualifizierter Frauen und Männer (auch hier bei uns in Deutschland) Impfstoffe zu entwickeln (letztes Frühjahr im März eine noch undenkbar kurze Zeitspanne), die die Basis für ein wieder „normaleres Leben“ bilden. Und: Die von verantwortungsvollen Politkern (welcher Couleur auch immer) getroffenen Maßnahmen; unser aller Beachtung von teils erheblich einschränkenden Regelungen und die Rücksichtnahmen für die Älteren und Schwächeren; der unermüdliche Dienst von Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, also jenen Frauen und Männern, die an der Virusfront stehen; ein trotz mancher Schwächen intaktes Gesundheitswesen; eine auch in der Krise (unbedingt notwendig) stabile Wirtschaft und Wissenschaft, die Voraussetzung dafür sind, dass die besonders in Not geratenen Dienstleistungsbetriebe überhaupt wieder Fuß fassen können. All dieses zusammen und noch viel mehr führt aktuell dazu, dass es eine Perspektive für das „Danach“ überhaupt geben kann. Neben vielen Hässlichkeiten und Ellenbogenhaltungen (ja ganz bestimmt) hat sich so viel nachbarschaftliches, hilfreiches und soziales Handeln unter den Menschen gezeigt. Manche Schwachstellen unseres Systems hat die Pandemie offengelegt (ja natürlich), aber gerade deshalb können wir sie jetzt alle sehen und auch angehen.

Und wenn es uns am Ende sogar gelänge (wenn!), dass wir nicht nur aus den Fehlern lernten, sondern sie uns (und gerade auch Politkern) verzeihen könnten, dann – ja dann wären wir ganz nah bei Jesus. Jesus war kein plumper Optimist; er war einer der zu sehen vermochte und geschaut hat. Und was er sah (bei seiner Taufe), war dass der Himmel offen ist. Diesen offenen Himmel hat er sich in seinem Herzen bewahrt bis in die eigene Vernichtung hinein. Einen solchen jesuanischen Himmelsblick, den wünsche ich Euch und uns allen – immer wieder und wenigstens ein kleines bisschen auch dann noch, wenn der Himmel längere Zeit wolkenverhangen sein sollte.

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"Pause, bitte!"    (Stephan, 10.05.21)

„Wir sind ständig ´on`, von morgens bis nachts. Durch den ständigen Austausch mit den virtuellen Welten zerfällt das Ordnungsraster des Alltags.“, so schreibt es Ranga Yogeshwar in seinem Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft“, das wir gerade im Leseseminar der ESG-KHG miteinander lesen. Im Kapitel „Zaubern – von der digitalen Magie“ haben wir uns ertappt, wie auch wir uns oft in der Falle der Dauererreichbarkeit wiederfinden. Im Studium oder privat, zuhause oder unterwegs, Messengernachrichten, Mails oder Videomeetings – wir sind ständig online. Und stehen unter Druck, immer, schnell und für alle(s) bereit zu sein und zu antworten.

Manchmal braucht es eine Pause. Eine richtige Pause, absolute Funkstille. Das geht nicht nur mir so, und da gibt es verschiedenste, gute Ideen: Aufs Rad oder mit Joggingschuhen ab in den Wald. Ein gutes Buch und in die Decke gekuschelt. In einer leeren Kirche schweigen oder beten... Und das Smartphone bleibt zuhause. Alle Geräte abschalten und selbst abschalten – das tut so gut! In diesen aufgeregten Zeiten gerade erst recht. Pause bitte! Wir Menschen sind keine Maschinen, die rund um die Uhr am Strom hängen und arbeiten, die ständig unter Strom stehen können. Daran müssen wir uns immer wieder selbst oder andere erinnern, dass wir es nicht vergessen: Pause bitte!

Auch Jesus hat sich immer wieder Auszeiten gegönnt. Ständig verfügbar zu sein, das hat auch er nicht geschafft. Oder nicht gewollt. Bei ihm war es nicht das Handy, aber wohin er auch kam, da waren Leute. Und die wollten Jesus sehen oder hören, geheilt oder ermutigt werden. Das hat Jesus getan, sehr oft, gerade die, die es so sehr gebraucht haben. Aber es kostet auch viel Kraft. Und das hat Jesus bei sich gespürt und hat sich dann zurückgezogen. Am liebsten ist Jesus auf Berge gestiegen – so steht es zumindest mehrfach in der Bibel. Hoch oben auf dem Berg hat er die Ruhe genossen, den Ausblick und das Alleinsein. Alleinsein mit sich und mit Gott. Mit Gott hat er geredet und hat sich von ihm Kraft geholt, für den nächsten Tag, für die Menschen, für die Sorgen und Nöte, für das Glück und die Sehnsucht, verstanden und geliebt zu werden.

Mal keinen Kontakt zu haben - nur den zu Gott - um wieder den Kontakt zu mir selbst zu finden, das hilft auch mir, und meinem Alltag und den Menschen mit mir. Denn manchmal passiert ja auch Unerwartetes, und dann bin ich gefragt mit meiner Kraft, meiner Aufmerksamkeit und meiner Liebe.

So ging es Jesus einmal, als er wieder eine Pause nötig hatte: „Freunde, wir fahren mit dem Boot über den See.“ Denn, eine Seefahrt, die ist lustig. Nein, das war nicht der Grund. Sondern Jesus hoffte, am anderen Seeufer Ruhe zu finden. Doch er hatte nicht mit den Menschen gerechnet. Sie haben es mitbekommen und sind schnell um den See herumgelaufen und waren sogar vor Jesus da. (Die Bibel ist wirklich ein Buch voll feinem Humor.) Als Jesus am Ufer ankam, war die Überraschung groß, und zugleich war sein Herz weit. Er hat den Wellness-Nachmittag verschoben und war für die Menschen da – und das waren laut Bibel 5000 Mann und noch viel mehr Frauen und Kinder. Jesus hat ihnen von Gott und einem guten Leben erzählt – bis es Abend war. Bis seine Freunde sagten: „Pause bitte! Es ist spät. Schick die Leute nachhause. Sie sind hungrig.“ Doch Jesus schlug eine gemeinsame Pause vor, und ein besonderes Pausenbrot für die Riesenmenge an Leuten. Wie das aussah und wie die Geschichte ausging, mehr dazu am Montagabend in unserem Kirchentags-Hochschulgottesdienst als Livestream oder in den nächsten Tagen als YouTube-Video nachzuschauen und mitzufeiern über unsere Homepage www.esg-khg.de .

Und für jetzt: Vergesst die Pause nicht, auch die Pause vom Smartphone. So wie es Ranga Yogeshwar in seinem Buch schreibt:
„Maschinen sind kalt und verstehen nichts von Träumen, Wahrheit, Schönheit oder Liebe.“

Euch eine gute Woche mit genügend Pausen und zugleich Offenheit für schöne Überraschungen.

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Die Glocke darf läuten, der Hahn darf krähen! Basta!    (Joachim, 03.05.21)

Ob Eselsgeschrei, Glockenläuten oder Kuhmist: Seit Januar schützt Frankreich sein ländliches Kulturerbe per Gesetz und weist die Klagen zugezogener Städter gegen „Lärm und Gestank“ in die Schranken. (Vielleicht habt Ihr darüber gelesen oder davon gehört)

Als ich diese Nachricht hörte, musste ich nicht nur lachen, nein ich freute mich richtig darüber und dachte: Ja die Franzosen, die wissen was Kultur ist und sie wissen sie zu schätzen und zu schützen. (Bei uns Deutschen habe ich da ein weniger gutes Gefühl). Und es erinnerte mich gleich an manche Urlaube meiner Kindheit und Jugend. Einmal hatten wir unser „Fremdenzimmer“, wie das damals hieß, in einem Dorf im Bregenzer Wald ziemlich nah bei der Kirche. Zum Fenster schaute man genau auf den Kirchturm. Alle Viertelstunde schlug die Turmuhr – auch in der Nacht! Anfangs noch gewöhnungsbedürftig, doch dann gehörte es einfach dazu.

Das Schlagen der Stunde, das Läuten zum Gebet am Morgen, das Läuten zum Gottesdienst, das Läuten zum Mittag, das Abendläuten und dann das Läuten zur Todesstunde Jesu um 15 Uhr oder der Klang der Hochzeitglocken und auch das Totenläuten zu einer Trauerfeier und Beerdigung – immer lädt die Glocke ein zum Innehalten, zum Mitbeten und zum Anteil nehmen an den Freuden und der Trauer der Menschen, an ihren Hoffnungen und Sorgen und Ängsten. Immer wenn ich eine Kirchenglocke höre, klingt in mir eine solche Verbundenheit und ich weiß ich bin nicht allein. Und ihr Geläut verbindet mich mit denen, die ihren Klang schon Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vor mir gehört und die Botschaft der Glocken vernommen haben: Erhebet die Herzen!

Die Franzosen haben erkannt, welch ein Schatz auf dem Land sie haben, ob Hahn oder Esel, ob Kuhmist oder Glocke1, sie dürfen sein, sie sollen sein.

Aktuell gibt es ein Projekt „Glocken-Finder“: ein Onlineangebot, um nicht nur die Glocken „in meinem Dorf/Stadtteil“ online zu hören, sondern auch wertvolle Informationen über dieses Kulturgut bereit zu stellen. V.a. Jugendliche tragen Klänge und Informationen zu den Glocken ihrer Heimat in diesem ECHY-Projekt2 zusammen (https://createsoundscape.de)

Eines der schönsten Glockenlieder, das ich kenne (im Zeltlager einst haben wir es abends am Lagerfeuer gesungen), ist: „Die Glocken von Haarlem“. Leider habe ich keine Noten und keine Autorenquelle gefunden und auch eine (andere) Liedfassung auf youtube kommt leider nicht sehr gelungen rüber. Aber den Text des Kanons schreibe ich Euch gerne auf.

Die Glocken von Haarlem, wie schön ist doch ihr Klang:
Dang-dingel-lingel-dong, dang-dingel-lingel-dong, dang-dingel-lingel-dong, ding, dang.
Behäbig aus dem bunten Chor tönt dumpf ein schwerer Bass hervor:
Bi-im, bam, bi-im, bam, bi-im, bam, vor.
Bis über die Felder dringt der Glockenschall hinaus
und klingt la-angsam, la-angsam aus.

1 Die Glocke ist eines der ältesten Instrumente der Menschheit überhaupt. Ab dem 15. Jh v. Chr haben Glocken in China geläutet bei Staatszeremonien und religiösen Ritualen. Die ägyptischen Glocken läuteten ab dem 9. Jh v. Chr. Eine aus Ägypten stammende Handglocke bei den frühchristlichen Mönchen diente im Gottesdienst. Im 8. Jh n. Chr. gibt es dann (in Europa) Berichte von sogenannten „Glockentaufen“, also von größeren, stationären Glocken.

2 European Year of Cultural Heritage (ECHY 2018)

Was habt Ihr für „Glockenerfahrungen“? Oder gibt es ein Glockengeläut, das in Euch besonders (nach-)klingt?

Wenn Ihr Zeit habt, dürft Ihr uns gerne schreiben.

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Schöpferische Minderheit    (Stephan, 26.04.21)

„mehr“ ist immer gut: mehr Punkte in der Klausur, mehr Geld auf dem Konto, mehr freie Tage (wie jetzt bald im Mai). „weniger“ ist manchmal auch nicht schlecht: weniger Kilos auf den Hüften, weniger hohe Inzidenzzahlen, weniger Stress. Aber „mehr“ ist doch eigentlich gut. Deshalb hieß es jetzt am Samstag „mehr Gott wagen“. Es war der Titel der Zukunftswerkstatt der ev. und kath. Kirchen im Landkreis Ludwigsburg. „Mehr“ hatte sich erfüllt, denn mehr als 100 hatten sich zugeschaltet. Aber sonst war „mehr“ ein gewagtes Motto, wo es doch in den Kirchen immer weniger wird: weniger Mitglieder, weniger Finanzen, weniger Personal. Und auch ansonsten gibt es gerade wegen Corona von Vielem weniger: weniger Kontakte, weniger Freiheiten, weniger Kultur …

Die Zukunftswerkstatt am Samstag hätte ein Jammer-Vormittag werden können, klagen über das immer weniger. Doch es kam anders: In Impulsvorträgen, Arbeitsgruppen und Podiumsdiskussionen wurden zukunftsweisende Ideen und motivierende Gedanken ausgetauscht. Eine Wortkreation hat mir besonders gut gefallen hat: „schöpferische Minderheit“. Wenn es weniger wird, muss es nicht den Bach hinuntergehen. Es kann Kreativität sprudeln und gegen den Strom Neues entstehen, auch in schöpferischen Minderheiten.

„schöpferisch“ erinnert an die Schöpfung am Anfang der Bibel. Da gab es weniger als wenig, einfach nichts. Gott hätte sagen könne „Viel zu wenig. Hat keinen Zweck!“ Aber er hat in seiner Schöpfungswerkstatt eins nach dem anderen geschaffen: Vom Licht bis zum Menschen ist es immer mehr geworden. Aber die Menge hat gar nicht gezählt. Am Ende der Tage hieß es nicht: 100.000 Lux Licht für den 1. Tag, 500.000 Gänseblümchen am 3. Tag und 1 Million Ameisen am 6. Tag (nicht zu vergessen: 2 Menschen!). Nein, am Ende jeden Schöpfungswerks schaute es sich Gott an und sagte: „Es ist gut.“ Und am Ende, als alles da war, sogar „Es war sehr gut!“

Schöpferisch heißt erst einmal nicht Quantität, sondern Qualität. Und wenn die Qualität stimmt, dann kann auch das „seid fruchtbar und mehret euch“ dazukommen. Aber schwierig wird es, wenn es in unserer Welt nur noch um das Mehr geht, um Zahlen, Wachstum und Bilanzsteigerungen: in Wirtschaft und Politik, in Sport und Kirchen, in Arbeit und Freizeit. Ich finde es einen erfrischenden Gedanken: Auch weniger kann „sehr gut“ sein – schöpferische Minderheit! Im Wenigen nicht den Mangel sehen, sondern die Chance entdecken. Im Wenigen mir den Blick öffnen lassen für den Sinn des Lebens. Im Wenigen neu schöpferisch werden.

Mein 4. Semester als evangelischer Hochschulpfarrer hat nun begonnen. Seit anderthalb Jahren erlebe ich unsere Hochschulgemeinde als „schöpferische Minderheit“ im besten Sinne. Rund 10.000 junge Menschen studieren in Ludwigsburg, und bei uns in der Hochschulgemeinde sind… nicht alle Doch egal ob mehr oder weniger, ob regelmäßig oder ab und zu, bei uns können wir schöpferische Minderheit erleben, einen Ort, an dem immer wieder Neues entsteht – auch in diesen Zeiten: Zu unserem Taizé-Morgengebet kommen digital fast mehr zusammen als zuvor, da wir uns von überallher zusammenschalten können und auch frühere Studierende mit dabei sind. Letzte Woche haben wir unsere Mittagspause „20 nach bis 20 vor“ begonnen, und gleich beim ersten Mal war eine nette kleine Gruppe zusammen, um aufzuatmen und sich inspirieren zu lassen. Mal sehen, wie viele es am heutigen Montagabend beim 1. Teil unserer neuen Bibelreihe werden. Halt! Schon wieder falsch gedacht! Schön ist es, wenn viele kommen und das, was wir vorbereitet haben, miterleben. Aber wichtiger ist, dass die, die da sind, Gutes aus der Gemeinschaft schöpfen und mit neuen Impulsen in die nächsten Tage gehen. 

So wünsche ich Euch allen, ob zuhause am Bildschirm oder auch in Ludwigsburg die Kraft der schöpferischen Minderheit für eine gute Woche.

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Hoffnung, die nicht stirbt    (Joachim, 19.04.21)

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere von Euch noch an den Rundbrief im März, an die „Fragen, die kleben bleiben“ (hier weiter unten auch noch nachzulesen) und die Erzählung von Elie Wiesel, der als Kind bei einem seiner geistlichen Lehrer, einem Synagogendiener gelernt hat, was das Wesentliche in der Beziehung des Menschen zu Gott sei: Der Mensch erhebt sich zu Gott durch Fragen, die er ihm stellt. Und dabei lehrte er Elie das Geheimnis seines Betens: „Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir Kraft gebe, wahre Fragen zu stellen.“ Das nun möchte ich verbinden: Die Hoffnung und die wahren Fragen.

Ihr kennt sicher alle den Spruch, mit dem mancher auch in der Corona-Krise versucht, den Humor nicht ganz zu verlieren: „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Und doch mussten schon manche die Hoffnung auf Besserung, die Hoffnung darauf, den Betrieb zu erhalten, die Hoffnung auf … ziehen lassen. So erst vor wenigen Tagen die Inhaberin eines kleinen traditionsreichen Geschäfts in Stuttgart. Es gab für sie keine Aussicht mehr, dass es weitergeht.

Der so schön daherkommende Spruch, die „Hoffnung stirbt zuletzt“ gründet – vorsichtig gesprochen – nicht sehr tief. Wer sich selbst seinen Hoffnungen stellt, wird spüren, wie glatt er doch an ihnen vorbeigeht. Und so erhebt sich Widerspruch. Einer, der einen solchen Widerspruch sehr pointiert formuliert, war der im Januar verstorbene österreichische Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Sänger und Dichter Arik Brauer: „Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sie stirbt überhaupt nicht, sie überlebt den Hoffenden!“

Diese Absage an den Allerweltspruch ist im Grunde gleichzeitig eine Frage, eine wahre Frage nach der Hoffnung. Und dieser Frage ist einst auch der schweizerische Schriftsteller Max Frisch intensiv nachgegangen. Von 1966-1971 hat er Fragebögen zu verschiedenen Themen verfasst und mit dem IV. Fragebogen befragt er den Leser nach der Hoffnung. Es sind 25 eindringliche Fragen, wie z.B. die neunte Frage: „Können Sie ohne Hoffnung denken?“

Die unausweichlichste dieser Fragen zeigt denn auch, wie platt der schöne Allerweltspruch von der Hoffnung, die angeblich zuletzt stürbe, daherkommt. Die unausweichlichste aller Hoffnungsfragen, und die wiederum ist eine echte Frage, die in mir „kleben geblieben ist“, folgt als 25ste ganz zum Schluss:

Wenn Sie einen Toten sehen, welcher seiner Hoffnungen kommen ihnen belanglos vor: die unerfüllten oder die erfüllten? Und der Synagogendiener sprach zu seinem jungen Freund Elie Wiesel: Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, wahre Fragen zu stellen.

Vielleicht weckt all das in Euch Gedanken, Fragen und die Lust, Euch auf unser Sommersemestermotto einzulassen:

„Hoffnung ist die Fähigkeit, die Musik der Zukunft zu hören; Glaube ist der Mut, in der Gegenwart danach zu tanzen.“      Peter Kuznic, kroatischer Theologe

Wir wünschen Euch, dass trotz allem, was uns gerade so sehr fehlt und andererseits so sehr auf der Seele brennt und auf den Geist geht, wir wünschen Euch, dass die Hoffnung bei Euch bleibt und in diesem Semester Euch begleitet, so wie es in einem Taizé-Lied besungen ist:

Spiritus Jesu Christi, Spiritus caritatis confirmet cor tuum!

Der Geist Jesu Christi, der Geist der Liebe stärke dich im Herzen!

Eine gutes und an Hoffnung reiches Sommersemester!

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LOL mit Ostern    (Stephan, 12.04.21)

LOL ist das Kürzel für „Laughing Out Loud“. Derzeit heißt LOL noch etwas anderes: „Last One Laughing“ ist eine aktuelle Serie, in der lustige Menschen wie Anke Engelke, Barbara Schöneberger oder Wigald Boning unbedingt ernst bleiben müssen. Denn wer lacht, fliegt raus. Und wer zuletzt lacht, gewinnt das Preisgeld für einen guten Zweck. Diese Woche endet die erste Staffel auf einem Streamingdienst. „Last One Laughing“ ist witzig und gemein zugleich. Denn nicht zu lachen, wenn etwas Lustiges passiert, ist so schwer.

Gott sei Dank sind wir nicht in der Comedy-Serie, sondern können aus vollem Halse und tiefstem Herzen lachen, so oft und laut wir wollen. Naja, immer lachen geht auch nicht – in Corona-Zeiten schon zweimal nicht. Aber, vergesst das Lachen auf keinen Fall - sonst sterbt ihr früher! Ist kein Witz, sondern wissenschaftlich erwiesen: Lachen aktiviert mehr als 100 Muskeln, das Immunsystem wird angeregt, der Stoffwechsel erhöht und Schmerzen gelindert. Und wer viel lacht, glückliche Menschen leben im Durchschnitt rund 10 Jahre länger als unglückliche. Auch wenn manches im Leben traurig ist, nehmt euch die Kinder als Vorbild, frei nach Jesus „werdet wie die Kinder“: Kleine Kinder lachen 400-mal am Tag, Erwachsene nur 15-mal. Also, da muss doch auch für uns Große mehr drin sein – allein um der Gesundheit willen.

Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für das Lachen als jetzt. Wieso? Weil Osterzeit ist! Ostern ist das bunteste und fröhlichste Fest. Denn mit Ostern hat der Tod verloren, das Leben hat gewonnen. Der Tod hat nicht mit der Liebe Gottes gerechnet, die über uns das letzte Wort spricht. Nur 3 Tage tot, wenn das kein Grund zum Lachen ist! Hier ein netter, kleiner Osterwitz dazu:

Nach der Kreuzigung Jesu kommt Nikodemus zu Josef von Arimathäa und bittet ihn, sein Grab für Jesus zur Verfügung zu stellen. Doch dieser findet eine Ausrede: „Das geht nicht. Ich brauche das Grab für mich und meine Familie.“ Darauf Nikodemus: „Stell dich nicht so an - ist doch nur übers Wochenende!“

Lachen über den Tod, geht das? Ist das nicht eine viel zu todernste Sache?

Natürlich ist das Osterlachen ein Trotzdem-Lachen: Wir alle müssen eines Tages sterben. Und auch das Leben hier und jetzt ist nicht immer zum Lachen. Doch Ostern ist der Anfang: Aus dem Osterglauben heraus trotzdem lachen, mitten im grau-trüben Alltag – bis es sich ausbreitet.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Seit Ostern ist der Tod nur noch der, der als vorletzter lacht. LOL - „Last One Laughing“, das ist Gott und dem Leben vorbehalten. Unser Vertrauen in den Gott des Lebens, wie könnten wir es besser ausdrücken als durch ein Lachen! 

Und wenn es schwerfällt, vielleicht hilft noch ein Witz vom feinen Humor Gottes. So zumindest hat es der fromme Mann erlebt, der sich in einem Gebet an Gott wendet:

„Guter Gott, in Psalm 90 lese ich: Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern war. Könnte man sagen, dass für dich tausend Jahre so viel sind wie eine Minute?“ „Ja, das stimmt!“, antwortet Gott dem betenden Mann. „Und könnte man sagen, dass für dich eine Million Euro so viel sind wie ein Cent?“ „Ja, mein Freund, so ist es.“ Daraufhin der fromme Mann: „Ach, lieber Gott, ich bitte dich: Schenke mir doch einen Cent!“ „Gern“, antwortet Gott dem Betenden: „Warte nur mal eine Minute.“

Nicht nur eine Minute sondern eine Woche voller Lachens wünsche ich Euch. Und allen, bei denen das Sommersemester nun beginnt, einen guten Start.

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Palmsonntag und Unkrauttag    (Stephan, 29.03.21)

gestern war ein besonderer Tag – in doppeltem Sinn: Es war Palmsonntag und Tag des Unkrauts!

Palmsonntag – kennen wir: Wer von euch war in der Familie oder WG gestern der längstschlafende Palmesel? Nette kleine Tradition, die eigentlich an Jesu Einzug in Jerusalem auf dem Esel erinnert, inmitten der palmwedelschwenkenden und jubelnden Menschenmenge. Gerade ist mir und vielen nicht so himmelhochjauchzend zumute. „Osterruhe“ - verordnet und zurückgenommen. Ostergottesdienste in Kirchen – nein und dann doch. Und der zweite Corona-Frühling – eher karfreitagsdüstere Aussichten oder osterfröhliche Hoffnung?

Und dann der Ehrentag des Unkrauts – habe ich dieses Jahr zum ersten Mal gehört. Es gibt ihn aber schon seit 2003, als US-amerikanische Garten-Blogger den 28. März zum Weed Appreciation Day auslobten. Und so warte ich nun gespannt, ob “unser“ kleiner Löwenzahn auch dieses Jahr genügend Kraft entwickelt und sich durch den Asphalt vor unserem Haus hervorkämpft.

Palmsonntag und Unkrauttag – passt eigentlich gut zusammen, in diesem Jahr gleich doppelt: Jubeln - oder zumindest fröhlich bleiben - trotz immer noch unsicherer Aussichten. Und Widerstandskraft sammeln gegen alle asphaltschweren Ermüdungserscheinungen. Widerstandskräftig fröhlich bleiben, das ist dieses Jahr meine Osterhoffnung.

Widerstandskräftig fröhlich bleiben, dazu habe ich vor kurzem einen schönen Podcast gehört. Vielleicht kennt ihr die Reihe „Das Coronavirus-Update“. Normalerweise sind es wöchentliche wissenschaftliche Erörterungen mit dem*r Virolog*in Sandra Ciesek und Christian Drosten. Vor kurzem kam die Sonderfolge „Ein Jahr Pandemie – was hat euch Mut gemacht?“ - eine Collage von Erlebnissen vieler Menschen. Die haben mich sehr angerührt. Hier ein paar „Stimmen“ der knapp halbstündigen Mutmachgeschichten:

- Wir haben einen kleinen Sohn, der wird demnächst 3. Den haben wir seit einem Jahr nicht mehr in die KiTa geschickt. Dadurch haben mein Söhnchen und ich jetzt ganz Berlin erkundet. Da gab es das Lächeln und viele Knuddler von dem Kleinen, der das immer alles sehr cool fand.
- Was hat mich durch die Zeit gebracht? Ich habe sehr viel online gelacht und online getanzt.
- Ich bin sehr viel spazieren gegangen. Noch nie war ich so viel an der frischen Luft.
- Ich habe mir einen langersehnten Wunsch erfüllt und habe noch einmal studiert.
- Ich fing an Fotos und Karikaturen aus der Zeitung zu sammeln. Was es nicht alles zu sehen gibt: Die ersten selbstgenähten Masken, ausgeräumte Regale im Supermarkt, leere Fußgängerzonen und Autobahnen, mit Flatterband abgesperrte Spielplätze, Autokinos, Treckerdiscos…
- Ich bin leidenschaftlicher Brettspieler. In der Zeit hatte ich die Idee, dass man zu meinem Lieblingsspiel eine App entwickeln könnte. Und die ist sogar in die Spiele-Stores gekommen.
- Für mich war Corona eigentlich ein Segen. Meine Frau war schwer krank. Seit letzten März war ich durchgehend im Homeoffice. Sie ist Anfang Januar gestorben, aber ich bin so dankbar für all die Zeit, die wir noch miteinander hatten. Das wäre ohne das Virus nicht passiert.
- Ich spiele Bratsche und habe mir eine Musikbearbeitungs-Software gegönnt. Und jetzt spiele ich mit aufgedrehter Musikanlage die schönsten Konzerte in dem Tempo, das ich mithalten kann.
- Ich hänge von mir gemachte Bilder gerahmt in der Stadt auf und jeder darf sie mitnehmen, als Geschenk, mit dem ich den Leuten eine Freude machen möchte in dieser Zeit.
- Jeder Mensch, der für andere etwas Gutes getan hat, hat mich ermutigt. 

Ein Jahr Pandemie – was hat euch Mut gemacht? Wenn ihr mögt, schreibt mir eure Geschichte oder Gedanken. Ich freue mich darüber.

Widerstandskräftig fröhlich bleiben, das ist dieses Jahr meine Osterhoffnung. Und denkt daran: Ostern ist nicht nur eine Woche nach dem Palmsonntag und Unkraut-Ehrentag, sondern eigentlich das ganze Jahr, zumindest was die Hoffnung betrifft. Die Hoffnung nicht zu verlieren, das trägt uns durch alle Zeiten, die erdenschweren und die himmelhochjauchzenden Tage.

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"O Herr, das ist schon lange her" - Fernsehgottesdienst    (Joachim, 22.03.21)

Bei dieser Überschrift „Fernsehgottesdienst“ verspüren manche womöglich den Impuls „langweilig“, „altbacken“ oder „Was geht mich das an?“

Das Fernsehen ist in Eurer Generation nicht mehr das Leitmedium. Netflix und & Co haben das Fernsehen bei jungen Leuten abgelöst. Und dann auch noch Gottesdienst im Fernsehen; das kann ja nur was für die Alten sein, die sehr alten, die noch nicht mal mehr in die Kirche gehen können. Letzteres habe ich bis vor ziemlich genau einem Jahr auch gedacht. Fernsehgottesdienst war etwas Gutes für meinen Vater im Altenheim.

Doch dann kamen Corona und Lockdown und was nun? Ja, und da haben auch wir, meine Frau und ich, begonnen Fernsehgottesdienste anzuschauen und diese „Krücke“ benützt, um irgendwie Teil der Gemeinschaft zu sein, die Gottesdienst feiert. Und was soll ich sagen: Wir waren – diejenigen Male, die wir teilgenommen haben – nicht enttäuscht. Es gab professionelle oder halbprofessionelle Musiker, Scholae und Ensembles mit anspruchsvollen Arrangements und neuen bzw. mir unbekannten Liedern, die Ansprache meist kurz und kurzweilig, ernste Gedanken und Gebete, … Und so fühlten wir uns über diese „Krücke“ und zugleich die Brücke Fern-Sehen am Sonntagmorgen doch hineingenommen in die Feier des Gottesdienstes.

Und: Wir lernten neue bzw. für uns neue Lieder kennen. Und dies zuletzt am Sonntag vor einer Woche, am 14. März. Der Gottesdienst wurde aus der Frauenfriedenskirche in Frankfurt übertragen mit Bischof Bätzing, dem neuen Vorsitzenden der deutschen kath. Bischöfe. Und als Musiker saß am Klavier Christos Theel, der Chorleiter der KHG-Frankfurt. Sein Vokalensemble sang das Lied, das er zu einem Gedicht und Gebet von Lothar Zenetti komponiert hatte. Leider gibt es dieses Lied noch nirgends veröffentlicht, wie ich von ihm erfahren habe. Aber für Euch habe ich auf jeden Fall den Text des Gebetes als geistlichen Impuls für diesen Tag und für diese Woche, der letzten vor der Kar- bzw. Passionswoche. Und wenn Ihr das Lied hören möchtet, dann könnt Ihr es nachschauen und nachhören unter: www.zdf.de/gesellschaft/gottesdienste   Das Lied findet Ihr ab Minute 37:54

O Herr, das ist so lange her   von Lothar Zenetti

O Herr, das ist so lange her

was damals ist geschehen

uns fällt das Glauben heute schwer

Herr, lass dein Reich uns sehen

O Herr, das ist so lange her

daß Himmel standen offen

die Zuversicht fällt uns so schwer

Herr, hilf uns auf dich hoffen

O Herr, das ist so lange her

daß man dich konnte schauen

uns fällt das Beten heute schwer

Herr, hilf uns dir vertrauen

O Herr, das ist so lange her

daß du dein Kreuz getragen

das Konsequentsein fällt uns schwer

Hilf uns, es doch zu wagen

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"Die vielen Kreuzchen und das eine Kreuz"    (Stephan, 15.03.21)

Millionen Kreuzchen gab es gestern bei der Landtagswahl. Im Wahllokal oder auf Wahlbriefen haben sie die Weichen gestellt für die politische Zukunft in Baden-Württemberg (und in Rheinland-Pfalz). Manches bleibt gleich: Der alte und neue Ministerpräsident von Ba-Wü. wird Winfried Kretschmann heißen. Manches wird anders: Den Ludwigsburger Wahlkreis vertritt zukünftig Silke Gericke, ebenfalls von den Grünen.

Zwei kleine Striche, Kreuze symbolisieren unsere repräsentative, parlamentarische Demokratie.

Ein Kreuz, zwei Striche, nicht schräg sondern gerade, das ist Symbol des christlichen Glaubens. Unübersehbar finden wir es im Altarraum der meisten Kirchen. Manche tragen es als Kette um den Hals. Auf der neuen BasisBibel prangt es weiß vor knallig-farbigem Hintergrund. Unter dem Kreuz wurde über Jahrtausende hinweg viel Gutes, aber auch Leid in die Welt gebracht.

Viele bemerken es kaum mehr im Alltag. Manche wollen es am liebsten auslöschen. Andere finden es gut. Von einem Werbegrafiker habe ich mal gehört: „Ihr Christen habt ein richtig gutes Logo. Schnell mit zwei Strichen gezeichnet. Klar und sofort wiedererkennbar. Voller Inhalt und absolut positiv. Alle, die irgendwo ihre Zustimmung geben, machen ein Kreuz.“ So habe ich es noch nicht gesehen. Das Kreuz als Zeichen der Zustimmung, und das nicht nur bei Wahlen, sondern auch im christlichen Glauben. Da ist etwas dran, denn genauer betrachtet, steht hinter dem Kreuz tatsächlich ein großes „Ja“.

Zuerst war das Kreuz eines der grausamsten Folter- und Mordinstrumente der Römer. Tausende haben sie am Kreuz hingerichtet. Einer davon war Jesus. Daran erinnern wir uns besonders vor Ostern. Jetzt in der Passionszeit denken wir an das Leiden Jesu (und vieler anderer). Doch der Tod hatte nicht das letzte Wort. Es folgte die Auferstehung Jesu zu neuem Leben. So wurde das Kreuz für Christen und Christinnen zum Lebenssymbol: Wenn wir meinen, es ginge nicht mehr weiter, dann hat Gott immer noch eine Möglichkeit – selbst im Tod.

Das Kreuz als Zeichen von Möglichkeiten, dahinter steckt Leben in zwei Strichen. Ein Strich von oben nach unten, der Längsstrich steht für die Verbindung von Himmel und Erde. Gottes himmlischer Segen behütet mich. Er kommt mir aus dem Himmel ganz nah. Im Menschen Jesus hat er sich uns zur Seite gestellt und stärkt uns den Rücken. Und wir können auf Gott vertrauen, zu ihm beten, himmlisches Glück auf Erden erleben. Und der andere Strich, die Querrichtung lenkt meinen Blick zur Seite, auf die Menschen neben mir und die Welt um mich herum. Wir sind eine große Gemeinschaft. Gemeinsam können wir feiern und uns freuen, uns helfen und aufeinander aufpassen, und miteinander unsere Zukunft gestalten. Ein Kreuz mit spirituellem Längsstrich und gemeinschaftlichem Querstrich – wenn das nicht Leben pur ist!

Die zwei berühmtesten Striche der Welt sind Zeichen der Verbindung mit Gott und unter uns Menschen. Vielleicht denkt ihr daran, wenn ihr wieder ein Kreuz seht oder ein Kreuzchen macht, sei es bei Wahlen oder auf einem Formular, sei es aus Langeweile auf einem leeren Blatt oder bewusst als Zeichen: Auch wenn ich jetzt nicht sehe, wohin, es geht weiter!

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"Fragen, die (kleben) bleiben"    (Joachim, 08.03.21)

Nach der Semesterpause starten wir mit unserem ersten Wochengedanken mitten in der Fastenzeit. Damit meine ich nicht nur die uns von Corona auferlegte „Zwangsfastenzeit“. Klassisch ausgedrückt sollen die 40 Tage Fastenzeit vor Ostern die Menschen zur „Umkehr“ bzw. „Buße“ anleiten. Das klingt ziemlich fromm und vielleicht auch verstaubt, obwohl es das keinesfalls sein muss.

Doch MEINE FRAGE an Euch will etwas anderes sein. Und dazu gehe ich zuerst auf das zugrundeliegende Wort der „Umkehr/Buße“ ein: Metanoia; im klassischen Griechisch meint es von der Wortbedeutung her: Ändern des Geistes, Ändern des Sinnes. (Wozu eine Fastenzeit anleiten will). Was nun bewirkt bei uns Menschen eine Sinnesänderung? Was hilft, eine andere Geisteshaltung einzunehmen?

Nach meiner Erfahrung sind es u.a. auch Fragen, echte Fragen, solche die man nicht einfach beantworten und dann abhaken kann. Nein ganz im Gegenteil: Es sind Fragen, die bleiben – die in einem „kleben“ bleiben.

Zu dem, was eine solche Frage bedeuten kann, nun erst einmal ein kleine Geschichte, wie ich sie vor kurzem gelesen habe. Und dann möchte ich Euch eine solche Frage geben, wie sie diese Geschichte meint. Es ist eine Frage, die mir geblieben ist, also in einem guten Sinne des Wortes in mir „kleben“ geblieben ist. Und sie möge Euch vielleicht eine eben solche werden und eine kleine Bereicherung des Geistes und Sinnes sein auch über die Fastenzeit hinaus.

Elie Wiesel erzählt in seinem autobiographischen Werk „Die Nacht“ von einer Freundschaft, die er als kleiner Junge in seinem Heimatstädtchen mit dem Synagogendiener Mosche hatte. Dieser hat den Zwölfjährigen beobachtet, wie er in der Abenddämmerung allein in der Synagoge betete. „Warum weinst du beim Beten?“ fragte er, als kenne er mich seit langem. „Ich weiß es nicht“, erwiderte ich verstört. Die Frage war mir nie gekommen. Ich weinte, weil …, weil etwas in mir weinen wollte. Ich konnte nichts dazu sagen. „Warum betest du?“ fragte er mich eine Weile später. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich noch verwirrter und befangener. „Ich weiß es wirklich nicht.“ Von diesem Tag an sah ich ihn häufig. Er versuchte mir eindringlich zu erklären, dass jede Frage eine Kraft besitzt, welche die Antwort nicht mehr enthält. „Der Mensch erhebt sich zu Gott durch Fragen, die er an ihn stellt“, pflegte er immer wieder zu sagen. „Das ist die wahre Zwiesprache. Der Mensch fragt, und Gott antwortet. Aber man versteht seine Antworten nicht. Man kann sie nicht verstehen, denn sie kommen aus dem Grund der Seele und bleiben dort bis zum Tode. Die wahren Antworten, Elieser, findest du nur in dir.“ „Und warum betest du, Mosche?“ fragte ich ihn. „Ich bete zu Gott, der in mir ist, dass er mir die Kraft gebe, ihm wahre Fragen zu stellen“.

Elie Wiesel, Die Nacht, zitiert aus Erich Zenger, Mit Gott ums Leben kämpfen, Freiburg i. Br. 2020

Elie Wiesel,1928 in Rumänien geboren, kam mit 16 Jahren ins Konzentrationslager Ausschwitz und dann nach Buchenwald. Er hat in Büchern seine Holocausterlebnisse verarbeitet. 1986 erhielt er den Friedensnobelpreis; im Jahr 2000 sprach er in der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag, † 2016 in New York

Und also nun „MEINE“ FRAGE! Sie begegnete mir beim Lesen des Buches (damals ein Bestseller) „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier (erschienen 2004). Mitten im Unterricht verlässt ein Lehrer seine Schule und macht sich von Bern auf den Weg nach Lissabon, um den Spuren eines geheimnisvollen Autors zu folgen. Es wird eine Reise zu sich selbst, ein wirkliches Abenteuer. Immer mehr Menschen lernt er kennen, die von diesem geheimnisvollen Autor beeindruckt sind. … Und mit den Menschen begegnet er Fragen, wahren Fragen. Und v.a. diese eine davon ist mir geblieben und wird in mir bleiben, solange ich denken kann:

Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?

Diese Frage will ich Euch mitgeben! Solltet Ihr irgendwann einmal eine Antwort finden, bedenkt: dann wird diese nicht mehr die Kraft der Frage in sich tragen. Doch vielleicht findet ja gar nicht Ihr die Antwort, sondern die Antwort Euch. Was wird dann mit der Frage werden?

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"Himmelreich to go"    (Stephan, 08.02.21)

Noch diese Woche, dann endet das Wintersemester. Wenn die Prüfungen geschafft sind, gibt es für viele auch Semesterferien. Für andere sind kommende Woche Faschingsferien.

Früher haben wir in den Faschingsferien oft im Hochschwarzwald Urlaub gemacht, mit Schnee und strahlendem Sonnenschein, herrlich zum Ski- oder Schlittenfahren, zum Schneewandern oder einfach Genießen. Einmal als es keinen Schnee gab, sind wir als Familie mit der Bahn von Freiburg nach Titisee gefahren. Die Strecke führt durchs Höllental, und daher hat die Bahn ihren Namen: Höllentalbahn. Fährt man die Strecke rückwärts von Titisee nach Freiburg, dann erwartet einen am Ende der Schlucht der Bahnhof und das Gasthaus „Himmelreich“. Kurz vor Einfahrt in den Bahnhof erklang es durch die Zuglautsprecher: „Höllentalbahn – nächster Halt Himmelreich.“ Das war die schönste Zugdurchsage, die ich jemals in meinem Leben gehört habe: Vom Höllental direkt ins Himmelreich, das hatte etwas biblisch-christlich Hoffnungsvolles. Ich musste schmunzeln und wäre am liebsten gleich ausgestiegen im „Himmelreich“.

Früher, als es durchs Höllental noch keine doppelspurig ausgebaute Straße und Tunnels gab, waren Reisende sicher gottfroh, wenn sie die gefährliche Schlucht verlassen konnten. Und wenn dann ein Krug Bier und ein gutes Vesper vor ihnen stand – dann war das wohl wie im Paradies. Wir haben auch einmal im „Himmelreich“ gespeist, es ist eines der ersten inklusiven Hotels und Restaurants in Deutschland. Der Service und das Essen, sie waren tatsächlich „himmlisch“ gut.

Vor Kurzem habe ich gehört, dass das Gasthaus „Himmelreich“ wegen Corona geschlossen hat, aber wie andere Restaurants Speisen zum Mitnehmen anbietet. Dort machen sie es auf einem Schild und ihrer Homepage bekannt unter dem netten Slogan: „Himmelreich to go“. Das hat mir gut gefallen: Nicht nur am „Himmelreich“ aussteigen, sondern das „Himmelreich“ sogar mitnehmen. Zwar nicht als Gericht aber als Gedanke nehme ich es gerne mit in die Semesterferien und in die außergewöhnlichen Zeiten momentan.

„Himmelreich to go“ erinnert mich an Jesus, wie er oft vom Himmelreich gesprochen hat. Einerseits hat er mit Himmelreich das ewige Leben bei Gott gemeint. Und das wird so lecker und fröhlich sein wie ein Festmahl, so lesen wir es nicht nur bei Jesus, sondern an vielen Stellen der Bibel. Andererseits war es Jesus wichtig, dass das Himmelreich nicht nur ein Trost für „ewige Zeiten“ ist, sondern dass es schon mitten unter uns angebrochen und erlebbar ist; in einem Glücksmoment, einer guten Begegnung oder Hilfe in der Not. Und umso mehr wir das Himmelreich sehen lernen und helfen, daran mitzubauen, mitten im Alltag, egal wo wir gerade studieren oder ausruhen, Hoffnung erleben oder anderen unter die Arme greifen, umso heller kann das Himmelreich hier aufstrahlen. Dann ist das ein bisschen wie ein Festmahl im Himmelreich oder „Himmelreich to go“.

Ein anderes Motto des Gasthauses Himmelreich schon vor Corona lautete „Munterwegs im Himmelreich“. Und das wünsche ich Euch für die kommenden Wochen, für Prüfungen, Faschings- und Semesterferien: Seid „munterwegs im Himmelreich“, hier und jetzt.

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"Blasiussegen"    (Joachim, 01.02.21)

Heute mal was Katholisches: der Blasiussegen

Wenn ich an meine Kindertage denke, erinnere ich mich gerne an eine kirchliche Besonderheit, an jenen Tag im Februar, an dem man am Ende des Gottesdienstes den Blasiussegen empfing – jeder für sich. Man ging nach vorne, stand dann einzeln da, schaute zwischen zwei überkreuzt gehaltene brennende Kerzen hindurch, dahinter der Pfarrer, der mit dem Kreuzzeichen den Blasiussegen zusprach. Auch heute ist es für mich noch immer ein besonderer Moment, wenn ich diesen ganz individuell zugesprochenen Segen empfange oder ihn auch selber zusprechen darf.Blasiussegen

Hinter diesem Segen steckt eine alte Legende um den Bischof Blasius von Sebaste in Armenien, der Ende des 3./Anfang des 4. Jh. lebte. Nach grausamer Folter soll er um 316 enthauptet worden sein. Der Legende nach eilte eine Mutter mit ihrem Sohn in den Armen zum Kerker. Sie bat den dort einsitzenden Arzt und Bischof Blasius um Heilung des Jungen, denn er hatte eine Fischgräte verschluckt und drohte zu ersticken. Durch Gebet und sein Eingreifen wurde der Junge wieder gesund.

Und so ist mit dem Segen bis heute die Bitte um Gesundheit und Heil verbunden. Nun kann man sich beim ersten Blick auf diesen „Gesundheitssegen“ des Verdachtes einer Magie oder eines religiösen Zauberns vielleicht nicht ganz entledigen. Als Kind war das für mich wohl so oder so ähnlich wie ein Zauber. Etwas Geheimnisvolles hat es ja an sich, wenn man in zwei brennende Kerzen schaut, die einem direkt vor das Angesicht gehalten werden. Aber Blasius war kein Zauberer und der Segen macht weder den Arzt noch die Krankenkasse überflüssig. Doch es wird deutlich, es wird sichtbar, dass Gottes Segen und sein Heil mich als ganzen Menschen meinen, mit Leib und Seele. Der Blasiussegen sagt es mir ganz direkt und ganz persönlich im Licht der Kerzen zu, dass mein Leben mir ein Geschenk ist auch dann, wenn Krankheit oder Altersbeschwerden mich beeinträchtigen und belasten. Und aus dem Licht der Kerzen, in das wir beim Empfang des Segens schauen, spricht der Psalm 27 unmittelbar zu mir:

Der Herr ist mein Licht und mein Heil:

Vor wem sollte ich mich fürchten!

Der Herr ist die Kraft meines Lebens:

Vor wem sollte mir bangen?

Ganz wesentlich ist zu betonen – v.a. wenn man mit dieser katholischen Tradition nicht vertraut ist: Der Segen, um den wir bitten, ist nicht der Segen des Blasius, der Segen ist Gottes Segen.

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"Friedenszeichen"    (Stephan, 25.01.21)

„Soll ich dich hier in aller Öffentlichkeit schlagen?“, ein Mann schreit eine Frau mit ihrem Kind im Kinderwagen an. Es war am vergangenen Donnerstag an einer Bushaltestelle beim Ludwigsburger Schloss. Der Mann brüllt so laut, dass es weit zu hören ist. Auch wir hören und sehen es, als wir mit den Fahrrädern vom Markt zurückfahren. Wir halten an, schauen genauer hin und nähern uns langsam. „Gehören Sie beide zusammen?“, fragt meine Frau. „Können wir helfen?“, frage ich. „Nein!“, schreit der Mann uns an, „Was geht es Sie an?!“ Wir versuchen beruhigend auf ihn einzureden. Ohne großen Erfolg. Nun kehrt sich seine Aggression gegen uns. Er schreit, beleidigt und bedroht uns lauthals. Und kommt uns immer näher, ohne Maske. Wir bitten ihn, Abstand zu halten. Doch er rückt uns immer mehr auf die Pelle. Wir ziehen uns langsam zurück, überlegen, was wir tun können. Inzwischen schreit der Mann nicht mehr. Bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen, schaue ich nochmals zurück: Der Mann steht jetzt am anderen Ende der Bushaltestelle, ist ruhig und trägt eine Maske. Hat es geholfen, dass wir uns eingemischt haben? Oder liegt es daran, dass der Bus bald kommen würde?

Aufgewühlt fahren wir nachhause. Ich ärgere mich, dass ich klein beigegeben und ihm „das Feld überlassen“ habe. Ich bin froh, dass wir vielleicht doch die Situation entschärfen konnten und der Mann ruhiger wurde. Ich bin traurig und frage mich, was wohl bei dem Paar zuhause passieren wird. Heute ist es uns real nahegekommen, was man hört und liest, dass die Gewalt in Familien in den Zeiten des Lockdowns steigt. Ich erinnere mich an mein gewaltfreies Training von früher und wir überlegen, wie wir noch hätten reagieren können. Und ich muss zuhause an die Worte Jesu denken: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

„Selig“, das griechische Wort „makarios“ kann auch mit „glücklich“ übersetzt werden. Glücklich fühlte ich mich an dem Donnerstag nicht. Und wieder einmal wurde mir bewusst, dass der Satz Jesu keine fromme Wohlfühl-Botschaft ist, auch wenn er noch so schön klingt. Schön und gut war es auch damals nicht, als ich mir mit 14 Jahren diesen Satz Jesu als Tauf- und Konfirmationsspruch gewählt habe, mitten im Kalten Krieg. Damals waren wir stolz, dass wir mit unseren Friedensaktionen und Ostermärschen mitgeholfen haben, dass die Atomwaffen in West und Ost reduziert wurden. Andererseits leben wir auch heute nicht in einer Welt, in der es keine Kriege, Not oder Gewalt gäbe, und weiterhin bedrohen uns zigtausende Atomwaffen. (Den UN-Atomwaffenverbotsvertrag, der am Freitag in Kraft trat, haben 51 Staaten unterzeichnet, aber alle Atommächte fehlen - und auch Deutschland.)

Nein, eine fromme Wohlfühl-Botschaft sind Jesu Worte vom Frieden stiften nicht - nicht in unserer Welt, nicht in unseren Familien, nicht am Donnerstag an der Bushaltestelle. Es sind Worte, die real und radikal mit dem Leben zu tun haben. Und das ist nicht immer leicht, sondern manchmal anstrengend, traurig, erschütternd und voller Fragen. Und doch würde ich es wieder tun: Hinschauen, hingehen, versuchen, die Aggression zu entschärfen. Ob es hilft? Ich weiß es nicht. Aber ich will zeigen, dass nicht alle wegschauen, dass es Menschen gibt, die andere Wege suchen, als die eigene Wut schreiend und drohend an anderen auszulassen. Vielleicht bringt es den einen oder anderen zum Nachdenken. Vielleicht stiftet es nicht den großen Frieden, aber gibt kleinen friedlichen Schritten eine Chance. Ich hoffe es.

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"Gute Vor-Sätze"    (Stephan, 18.01.21)

Zwei Wochen ist das Jahr 2021 jung (oder schon wieder alt - je nachdem). Gute Gelegenheit für eine kleine Zwischenbilanz: Wie sieht es mit Euren Neujahrsvorsätzen aus? Habt ihr welche gefasst, schon umgesetzt oder bereits gebrochen? Oder braucht es noch mehr Zeit, um die Vorsätze auf ihre Tauglichkeit zu prüfen?

Ich habe mir schon lange keine Neujahrsvorsätze mehr vorgenommen. Nicht, weil ich immer gescheitert bin, sondern weil mir in den letzten Sekunden vor Mitternacht an Silvester nichts einfiel, weil ich in den Tagen davor keinen Kopf dafür hatte und weil danach auch wieder anderes im Blick stand. Ich erlebe es eher so, dass im Laufe des Jahres sich immer wieder Ereignisse, Begegnungen und Überraschungen ergeben, die in mir dann gute Vorsätze, schöne Wünsche und neue Ziele wachrufen - die ich dann in die kommenden Wochen mitnehme.

Dieses Jahr sind mir kurz nach Neujahr Sätze eines anderen begegnet, die mich fasziniert haben. Geschrieben wurden sie im Winter 1980/81, 40 Jahre später im Winter 2020/21 habe ich sie gelesen. Es sind (Vor)Sätze aus dem dramatischen Gedicht „Über die Dörfer“ von Peter Handke, dem umstrittenen österreichischen Literaturnobelpreisträger von 2019. Abgesehen von seiner vielfach kritisierten Haltung zum Jugoslawienkrieg hat mich sein Gedicht fasziniert. Die Gedanken klingen in meinen Ohren wie etwas, das sich lohnt, in unsere weiterhin außergewöhnliche Zeit mitzunehmen. Vielleicht lasst ihr euch auch inspirieren für Euer 2021. Darum schreibe ich Euch zwei Absätze aus Peter Handkes Gedicht:

(…) Vermeide die Hintergedanken.
Verschweige nichts.
Sei weich und stark. (…)
Entscheide nur begeistert.
Scheitere ruhig.
Vor allem hab Zeit und nimm Umwege.
Laß dich ablenken, mach sozusagen Urlaub.
Überhör keinen Baum und kein Wasser.
Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten,
bück dich nach Nebensachen,
weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama,
mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt. (…)                                         

aus: Peter Handke: Über die Dörfer – dramatisches Gedicht, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1981.

12 Sätze habe ich ausgewählt (sozusagen „persönlich-selektive Gedichtinterpretation“). Ich nehme sie mit in mein 2021, für jeden Monat einen „Vor-Satz“. Ich beginne jetzt im Januar mit „Vermeide die Hintergedanken.“ Das ist gar nicht so einfach, aber lohnt sich, mich unvoreingenommen auf das Leben und meine Mitmenschen einzulassen. Nur wenn ich mir nicht vorher schon ein festes Bild von ihnen gemacht habe, kann ich Neues erleben - auch in diesem Jahr.

„Hintergedanken vermeiden“, damit will ich anfangen. Die anderen kommen danach - bis zum Zerlachen des Konflikts im Dezember. Damit schließt sich dann auf besondere Weise der Jahreskreis, der jetzt im Januar begonnen hat.

Euch allen eine gute dritte Januarwoche und ein fröhlich-„vor-sätzliches“ Jahr 2021.

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"Zum neuen Jahr"    (Joachim, 11.01.21)

In Ihm sei´ s begonnen,

Der Monde und Sonnen

An blauen Gezelten

Des Himmels bewegt.

Du, Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände

Sei Anfang und Ende,

Sei Alles gelegt!               Eduard Mörike, Stuttgart 1838

Mit Eduard Mörikes Kirchengesang zum Jahreswechsel grüßen wir Euch herzlich im Neuen Jahr!

Möge es allen ein gesegnetes sein, eines auf das Gott seine Hände legt und einem jedem von uns zusagt: Du gehörst trotz allem Gott! (etwas frei nach Dietrich Bonhoeffer).

Dieses Gedicht, dieses Gebet, dieses Lied Mörikes habe ich nicht zufällig ausgewählt, sondern ganz bewusst an den Anfang des Jahres gestellt und das nicht nur, weil es  von seinem Schöpfer her ja genau an diesen Anfang gehört, also zum neuen Jahr geschrieben ist, sondern weil es so viel an Glauben, Vertrauen, Zuversicht, ja an Theologie in ein paar Zeilen uns zusagt, uns zu sagen hat, wie ich zu diesem Anlass kein anderes kenne. Ich selbst nehme und bete es immer wieder gerade dann, wenn sich das Leben um ein Ende oder um einen Anfang dreht, sei es nun ein neues Jahr, ein neues Semester, einen Abschluss oder das Ende eines Lebens überhaupt.

Und so gebe ich es Euch zum Anfang dieses 2021 A.D. sehr gerne mit auf den Weg, also auf den Weg heinein in ein neues Jahr, von dem wir uns auf der ganzen Welt erhoffen, dass auch das Licht, das sich v.a. aufgrund von Impstoffen am Horizont abzeichnet, heller in unsere Krisenzeit scheint.

Als ich selbst noch Religionsunterricht erteilt habe, gehörte Mörikes Lied bei den Klassen 5 und 6 zu einem festen Bestandteil von vier bis fünf Gebeten, die ich den Schülerinnen und Schülern mit auf ihren Weg gegeben habe (ob sie es für sich mitgenommen und gepflegt haben, weiß ich natürlich nicht). Sie durften(!) es auswendig lernen (und natürlich mussten sie es auch); das klingt leider so schulisch-pflichtmäßig, doch so habe ich es nicht verstanden und sie deshalb immer auf die englische Vokabel hingewiesen, die die ursprüngliche Bedeutung des Aus-wendig-lernens deutlicher in sich trägt: learning by heart - wenn man dies ganz wörtlich nimmt: mit dem Herzen, aus dem Herzen heraus lernen. Und das reiche ich heute auch an Euch weiter: Lernt es mit dem Herzen memorieren und aus dem Herzen heraus sprechen und so in- und auswendig, dass es Euch sowohl im Kopf als auch im Herz begleiten mag - an jedem Anfang und zu jedem Ende. Auf ein gutes, erfüllendes 2021 A.D.

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"Adventure"    (Stephan, 21.12.20)

Dieser Advent ist abenteuerlich. Er fühlt sich für mich manchmal an wie eine Extrem-Bergtour. Wir haben uns vorbereitet (wie Rucksackpacken die Wohnung geschmückt), wir sind losgezogen (in Etappen von der 1. bis zur 4. Adventskerze), es ist anstrengend (immer wieder schlimme Corona-Nachrichten), es fehlen gewohnte Highlights unterwegs (wie Adventsfeiern), und jetzt eine Zwangspause (Lockdown seit ein paar Tagen und bis ins neue Jahr hinein).

So kurz vor dem Ziel fragen wir uns, wie wird Weihnachten sein, in unseren Familien, in unseren Kirchen, in unserem Gemüt? Können wir es wie auf einem Berggipfel genießen? Oder wird es trüb werden, die Aussicht wie von Wolken verdeckt?

In ein Abenteuer gehe ich voller Erwartungen. Ich bin gespannt, mein Puls beschleunigt sich, mein Herz, meine Sinne, meine Sehnsucht sind offen und weit. Bei einem Abenteuer muss ich Gewohntes verlassen; Ausgang ungewiss. So erlebe ich dieses Jahr auch den Advent. Es ist nicht wie „Alle Jahre wieder“, sondern immer wieder anders. Wir müssen uns viele Gedanken machen, flexibel bleiben, immer wieder umplanen und auf manches ganz verzichten. Unterwegs begegnete mir das englische Wort „Adventure“: Abenteuer und Advent – ein seltsames Paar! In diesem Jahr auf besondere Weise nah beieinander.

Ich muss an das erste Weihnachten denken – auch damals ein Abenteuer. Maria und Joseph nach langer Reise, weit weg von ihren Familien, ihr Kind geboren unter widrigen Umständen. Kurz danach Flucht, Umwege, viele Stationen auf dem Weg Jesu; immer wieder ungewisse Zukunft. Und doch kam in der Heiligen Nacht, der Geburtsnacht des Gotteskindes Freude auf, himmlische Freude auf Erden.

Das will ich mir zum Beispiel nehmen für unser Weihnachten. Gott hat den sicheren Himmel verlassen und kommt zur Welt, klein und zart in einem Baby. Gott hat das Abenteuer gewagt und kommt ganz bewusst in die Brüche und Unsicherheiten dieses Lebens, wie wir es auch in diesen Wochen erfahren. Gott geht das Abenteuer Mensch ein, um dir und mir nah zu sein - auch Weihnachten 2020. Es wird anders sein, wir werden „unter anderen Umständen“ feiern, aber es wird Weihnachten werden, Gott sei Dank.

In diesem Sinne wünsche ich Euch „frohe Weihnachten“, mitten im Abenteuer Leben,
und dann ein gesegnetes neues Jahr 2021, mit hoffentlich leichteren Abenteuern.

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Gott segne deinen Weg

die sicheren und die tastenden Schritte

die einsamen und die begleiteten, die großen und die kleinen

 

Gott segne deinen Weg

mit Atem über die nächste Biegung hinaus

mit Hoffnung auf das noch Unsichtbare

mit dem Mut, stehenzubleiben,

und der Kraft, weiterzugehen

 

Geh im Segen

und gesegnet bist du Segen

wirst du Segen

wohin dich der Weg auch führt